REUTLINGEN. Die verrückte Idee kam in geselliger Runde auf. So erzählt es Komponist Stefan Heucke, Verfasser renommierter Musikwerke und mehrerer Opern, in der Einführung zum Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie am Montagabend in der Reutlinger Stadthalle. Da sei er also mit Andreas Grau und Götz Schumacher zusammengesessen, besser bekannt als Grau-Schumacher Piano Duo, und man habe gehadert, dass die Spätromantik kein einziges Konzert für zwei Klaviere und Orchester hervorgebracht hat. »Dann muss man halt eins machen!«, lautete die verrückte Idee.
Der Haken: Ein heute komponiertes Konzert ist kein spätromantisches, selbst wenn man es im damaligen Stil schreibt. Heuckes Lösung: Er grub ein Franz-Liszt-Werk aus, das es beinahe zur ersehnten Gattung geschafft hat, nur nicht ganz. Sein »Concerto pathétique« hat Liszt für zwei Klaviere sowie für ein Klavier und Orchester vorgelegt. Fehlt also nur noch das letzte Quäntchen.
Romantik trifft Moderne
In der Fassung für zwei Klaviere steckt ein Orchesterpart quasi schon in den Klaviernoten; diesen Originalklavierpart wollte Heucke jedoch nicht antasten, den darin integrierten Orchesterpart nicht »herausoperieren«. Weshalb er sich gezwungen sah, einen komplett neuen Orchesterpart zu erfinden. Der sich nun über den seinerseits schon orchestralen Klavierpart legt. Eine seltsame Struktur. Heucke hat sie im Auftrag der Stuttgarter Philharmoniker geschaffen, die das Ganze mit Grau-Schumacher 2009 uraufführten.
Das klingende Ergebnis in der Stadthalle sorgt für Befremden vom ersten Ton an. Grau und Schumacher spielen an den beiden Flügeln Original-Liszt, das Orchester klingt nach Bartók. Hartes Xylofon-Prasseln, ein Gong dröhnt, die Blechbläser keifen sich scharf ihren Weg durch die Gehörgänge. Paukenwirbel werden durch Treten des Stimmpedals glissandiert – zu Liszts Zeit ging das technisch noch gar nicht. Heucke rechtfertigt sich in der Einführung: Die Töne seines Orchesterparts seien Liszts Zeit verpflichtet, die Instrumentierung jedoch modern. Heucke verweist auf Ravel, der Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung« ja auch im Stil des Impressionismus instrumentiert habe.
Die Trommel poltert
Bei Ravel geht das wunderbar auf – nicht bei Heucke. Wie Ravel versucht er, das, was bei Liszt angelegt ist, zu intensivieren. Aber bei Heucke wird daraus eine Liszt-Karikatur. Wo Liszt die Klaviere dröhnen lässt, packt Heucke noch die große Trommel aus und lässt die WPR-Schlagzeuger darauf einen Höllenlärm veranstalten. Und immer hat man das Gefühl, Heucke wolle das Heutige seiner Zutat betonen.
Das Ganze funktioniert nur an den leisen, reduzierten Stellen. Da tritt der Orchesterklang in einen reizvollen Dialog mit dem in sich gekehrten Klavierspiel. Immer wenn es füllig wird, geraten Moderne und Spätromantik aneinander. Fast spürt man die Erleichterung, als Heucke in der Kadenz Liszt endlich völlig hinter sich lassen und den Pianisten gänzlich moderne Clustersalven in die Finger schreiben kann. Grau und Schumacher bewähren sich bravourös in diesem Hybrid. Sind beim virtuosen Aufrauschen voll bei der Sache; stellen aber vor allem auch die stillen, introvertierten Passagen innig und bar jeder Sentimentalität in den Raum.
Waldweben und Frühlingsklang
So verdeutlicht dieser Abend, was man an Stücken hat, die in sich schlüssig sind. Wie das einleitende »Miške« (Wald) des Litauers Mikalojus Ciurlionis (1875–1911). In sanften Wellen wölbt sich diese Musik auf und sinkt zurück. Verwebt Streicher und Bläser zu einem atmenden Gewebe, das sich geduldig entwickelt, neue Färbungen aufnimmt, sich verschattet, Melancholie einströmen lässt. Naturweben und seelisches Empfinden gehen ineinander auf. Weich und anschmiegsam ist das ausmusiziert unter dem mit bloßen Händen leitenden Gastdirigenten David Reiland.
Auch die »Frühlingssinfonie« von Robert Schumann kommt nach der Pause als Werk aus einem Guss rüber. Hier ist alles sprießendes Wachstum, in delikatem Motivspiel funkelnde Freude am Wiedererwachen der Natur. Die Philharmonie hat daraus unter Reiland ein ungemein spritziges, leichtfüßig dahinschwingendes Erlebnis gemacht. Allenthalben knospt und keimt es, tanzen die Farben – und doch fügt sich das alles zu elegant vollendeter Form. So in sich stimmig kann Musik der Romantik sein. Wenn keiner im Geist der Moderne dran herumschraubt. (GEA)



