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Goya in Rottenburg: Düster und mehrdeutig

In der Rottenburger Zehntscheuer sind noch bis 1. Februar Radierungen von Francisco de Goya zu sehen.

Eine fromme Frau betet einen Baumstumpf im Priestergewand an.
Eine fromme Frau betet einen Baumstumpf im Priestergewand an. Foto: Privat
Eine fromme Frau betet einen Baumstumpf im Priestergewand an.
Foto: Privat

ROTTENBURG . Die Werke des spanischen Malers Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828) sind normalerweise kaum außerhalb Spaniens zu sehen. Seine berühmtesten Ölgemälde sind hauptsächlich im Museo del Prado in Madrid und einigen königlichen Palästen ausgestellt. Nun sind - durch eine Kooperation des Kulturvereins Zehntscheuer mit dem Museum de Reede in Antwerpen - zumindest einige der Radierungen Goyas noch bis 1. Februar in der Rottenburger Zehntscheuer zu sehen - ein historisches Gebäude, dessen Fassade der Doppeladler der Habsburger schmückt. Rottenburg gehörte - auch noch zur Zeit Goyas - zu Vorderösterreich und teilte sich vor 500 Jahren auch einmal einen Monarchen mit den Spaniern.

Goya ist ein Maler, dessen Werk in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Stile vereint. Zunächst war er vor allem ein Hofmaler, dessen realistische Porträts der königlichen Familie für seine Zeit äußerst progressiv waren. 1792 erkrankte er schwer, was zu einer lebenslangen Gehörlosigkeit führte. Aus dieser Zeit, in der er sich aus dem höfischen Leben zurückzog und mehr und mehr den Radierungen zuwandte, stammen einige der in Rottenburg ausgestellten »Los Caprichos«. Es handelt sich dabei um kleinformatige düster-gesellschaftskritische Werke, die der Künstler bereits vier Tage nach der Veröffentlichung wieder zurückzog - aus Angst vor der Inquisition.

Frau mit Ketzerhut.
Frau mit Ketzerhut. Foto: Privat
Frau mit Ketzerhut.
Foto: Privat

Denn in den mehrdeutigen Werken wird unter anderem Kritik an Kirche, Gesellschaft und Moral geübt. Da sind Prostituierte zu sehen, die Freier wie Hühner rupfen und eine fromme Frau, die einen Baumstumpf in einem Priestergewand anbetet. Da sind reiche ältere Herren zu sehen, die mit hübschen jungen Frauen Vernunftehen schließen, und Angehörige der Obrigkeit, die als Esel dargestellt werden. Einige der Werke erscheinen als zeitlos und heute noch aktuell - etwa jene, die das Verhältnis von jungen Frauen zu Seniorinnen darstellen - altkluge Ratschläge und unbekümmertes Desinteresse.

Andere Darstellungen sorgten zu Goyas Zeiten für Aufsehen, weil man versuchte, prominente Zeitgenossen darin zu erkennen, deren Namen uns heute kaum noch ein Begriff sind. In einigen Radierungen sind Opfer der Inquisition mit Ketzerhüten und auch Hexen dargestellt. Die »Caprichos« sind im Vergleich zu heutigen Karikaturen düster, und manchmal enthalten sie sexuell anzügliche Anspielungen. Auch sind die Deutungen zuweilen nicht ganz einfach - mal gilt die Sympathie eher den von ihren Vätern als Heiratsware verdealten Frauen und mal scheint der nur wegen seines Geldes geheiratete Bräutigam das Opfer der gesellschaftlichen Normen.

Ausstellungsinfo

Die Ausstellung mit Goya-Radierungen, eine Kooperation des Kulturvereins Zehntscheuer mit dem Museum de Reede in Antwerpen, ist bis zum 1. Februar 2026 in der Rottenburger Zehntscheuer zu sehen. Geöffnet ist Mittwoch bis Samstag von 15 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertag von 14 bis 18 Uhr. (GEA)

Neben den »Los Caprichos« sind auch einige Radierungen aus der Serie »Desastres de las Guerra« ( Schrecken des Krieges, 1810-1814) zu sehen. Hier prangert der Künstler Kriegsverbrechen der napoleonischen Besatzungstruppen gegenüber den spanischen Rebellen an. Der letzte Zyklus, aus dem in Rottenburg einige Radierungen zu sehen sind, ist »Tauromaquia« (1816). Hier setzt Goya - der eigentlich ein Fan des Stierkampfes und oft in der Arena Zuschauer war - die teilweise tumultartigen Kampfszenen aus den »Desastres« fort.

Einige sehen »Tauromaqia« als Schritt des Künstlers, sich in der Zeit der bourbonischen Restauration nach der Niederlage Napoleons wieder volkstümlicheren Themen zuzuwenden, um sein Ansehen bei Hof wiederherzustellen. Doch wieder ist die Deutung der Darstellungen nicht ganz einfach. Vordergründig geht es um die Geschichte des Stierkampfs und die Darstellung einiger berühmter Matadore. Doch auch »Tauromaquia« kann auf einer zweiten Ebene politisch gedeutet werden. Der Stier steht dann als Allegorie für Spanien, das gegen Invasoren und unfähige Eliten kämpft. Die Ausstellung in Rottenburg zeigt auch die Entwicklung des Künstlers Goya in verschiedenen politischen Systemen. (GEA)