REUTLINGEN. Verblüffend, was Johann Sebastian Bach alles heranzieht, um die Glaubensbotschaft zu verkünden. Da wird sogar ein Echo zur Stimme des Heilands bei der Aufführung seines Weihnachtsoratoriums am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Stadthalle: Ergreifend fragt Sopranistin Isabel Weller, ob sie ihr Schicksal ganz in die Hände Jesu legen darf – und von der Empore herab schallt als ihr Echo ein glockenhelles »Ja!«, mit Mut und Reinheit gesungen vom Chorknaben Philipp Rahn.
Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums durch die Capella Vocalis und die Württembergische Philharmonie an Weihnachten ist längst Institution, die Stadthalle ist gut gefüllt. Für Abwechslung ist gesorgt, zuletzt stand jedes Mal ein anderer Dirigent am Pult: Auf Hermann Dukek folgte Benedikt Engel, nun ist es Johannes Kaupp, der seine erste Bewährungsprobe feiert. Er besteht sie souverän. Er leitet ohne Taktstock, mit großen, ruhigen Bewegungen. Gestaltet mit Übersicht, hält die Instrumentalisten eng bei den Solisten; alles wirkt unaufgeregt, aber von freudiger Energie durchdrungen.
Chorknabe trifft Bassprofi
Auf dem Plan stehen die Kantaten eins, drei, vier und sechs. Die zweite mit ihrer lauschigen Hirten-Atmosphäre mag man vermissen, aber die Oboisten Dennis Jäckel und Yuko Schmidt haben auch so genügend Raum. Wunderbar, wie Jäckel in der eingangs erwähnten Arie das Echo-Thema bereits in seinem Intro vorbereitet. Allein für dieses Stück hat es sich gelohnt, die selten gespielte vierte Kantate hereinzunehmen.
Und weil sich gleich darauf ein weiterer Chorknabe, Simon Engel, in einem Arioso bewähren darf, hell und rein, wunderbar mit dem Rezitativ des Bassisten Hans Porten verwoben. Mit Julien Lang bekommt ein weiteres Chormitglied Gelegenheit für ein Duett mit Porten. Obwohl schon einer der Älteren des Chors hat er sich das Sopranregister bewahrt; geschmeidig verbindet sich seine Stimme mit der des Bassisten.
Empfindsamer Erzähler
Porten, unlängst als Vincent van Gogh in der Reutlinger Kammeroper zu erleben, gestaltet seine Arien weniger triumphal als mit samtiger Innerlichkeit. Sopranistin Isabel Weller erfreut mit klar gezogenen Linien voll Wärme und Anschmiegsamkeit. Jan Jerlitschka verbindet in seinen Alt-Arien sanfte Nachdenklichkeit mit großem Ausgreifen seiner Altstimme. Und Tenor Fabian Kelly ist als Evangelist ein so deutlich wie empfindsam artikulierender Erzähler. Seinen Arien gibt er klare, schlanke Konturen und erfreut mit unangestrengt wirkenden Höhen.
Der Chor ist mit vierzig Sängern kleiner, als er schon war. Nach Corona gilt es, vor allem die Knabenstimmen wieder aufzufüllen. Noch ist das Sopranregister etwas klein an Zahl. Aber die jungen Sänger geben ihr Bestes, ziehen bewundernswert klar die Linien, und die jungen Herren in den Männerstimmen singen umsichtig und dosiert, um die Jüngeren nicht zu überdecken. Begeisternd, welch quirlige Bewegtheit der Chor im Eingangschor der dritten Kantate »Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen« entfaltet; wie zupackend er in der sechsten Kantate »Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben« Kante zeigt. Dann aber auch, wie er Wärme und Schmelz in die Choräle legt und diese dynamisch fein abstuft.
Mit leichtfüßigem Gestus
Das zwanzigköpfige Orchester agiert dazu schlank und durchsichtig und mit leichtfüßigem Gestus. Ein Fest die solistischen Beiträge: Fabian Wettstein und Miriam Schmaderer an den Geigen, wenn sie die Sopranistin mit feinem Klang umspinnen; Dennis Jäckel und Yuko Schmidt mit ihren Oboen als Begleiter diverser Arien; und Solotrompeter Daniel Crespo, der himmlischen Glanz in Fülle ausschüttet, unterstützt von seinen Mitstreitern Alfred Hepp und Johann Prinz. Eine Aufführung, die im großen Saal die Intimität und das innere Leuchten dieser Musik bewahrt. (GEA)



