SANTA ROSA/KALIFORNIEN. Ein kräftiges, tiefes Eidottergelb und eine breite, gezackte schwarze Linie, die sich darüber hinzieht – schon ist die Welt bei Charlie Brown. Supermänner, Spinnenmänner und Artverwandte mögen sich mühen, aber Charlie Brown runzelt ein wenig seine runde Stirn und gewinnt – immer. Von Snoopy, dem Beagle, und seinem kleinen gelben Vogel Woodstock muss da noch gar nicht die Rede sein. Vor 75 Jahren erschien die erste Folge des charmantesten, skurrilsten, liebenswertesten Comicstrips aller Zeiten.
Jeder kennt sie: Charlie Brown, Lucy, Linus, Schroeder, Peppermint Patty, Marcie, Snoopy und all die anderen. Am 2. Oktober 1950 wurde in sieben US-amerikanischen Zeitungen zugleich die erste Folge der Peanuts veröffentlicht. Charles M. Schulz, ihr Schöpfer, war 27 Jahre alt. Seine Figuren sind längst kulturelle Ikonen. Sie inspirierten Filme, Musicals, Kompositionen. Sie begleiteten die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Tag für Tag, sie waren das vielleicht größte Geschenk der USA an die Menschheit – und manch einer, der heute Linus heißt, hieße nicht so, hätte es die Peanuts nicht gegeben.
Sohn eines deutschen Auswanderers
Geboren wurde Charles M. Schulz am 26. November 1922 in Minneapolis. Wie Charlie Brown war Schulz der Sohn eines Friseurs: Carl Schulz war deutscher Einwanderer, stammte aus Stendal in Sachsen-Anhalt. Bis zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg war Carl Schulz stolz auf seine Herkunft. Danach gewöhnte er sich seinen deutschen Akzent gründlich ab.
David Michaelis, Biograf auch von Eleanor Roosevelt, legte 2007 mit »Schulz and Peanuts« die umfangreichste Biografie des Peanuts-Schöpfers vor. Michaelis arbeitete mit Unterstützung von Schulz‘ Familie, wurde in Folge der Veröffentlichung von dieser Seite jedoch entschieden kritisiert. Er sieht das Werk als Spiegel des Lebens des Zeichners an. Michaelis Buch enthält kein einziges Bild von Charles M. Schulz – aber zahlreiche seiner Comicstrips illustrieren seinen Lebensweg.
Tag für Tag eine Geschichte
Schulz zeichnete die Peanuts Tag für Tag – die Versuchung, einem solchen Muster zu folgen, muss groß gewesen sein, denn die Parallelen zwischen seinem Leben und der Welt der Peanuts sind vielfältig. Michaelis zeigt, wie Leben sich in Kunst verwandeln kann. Schulz erzählte in seinen Zeichnungen gewiss nicht aufdringlich von sich selbst – aber er verwendete Elemente seines Alltags, um eine Welt zu bauen, mit wenigen Strichen, in der sich der ganze Kosmos menschlicher Schwächen, Hoffnungen, Ambitionen, Ängste widerspiegelt.
Michaelis zeigt Schulz als einen früh begabten, aber unsicheren Menschen, einen »kleinen Gentleman«, der emotionale Distanz um sich her aufbaute, in einer familiären Umgebung, die geprägt war von psychischer Instabilität und Alkoholismus. Bei nicht mehr als fünf Gelegenheiten, gab Schulz gegen Ende seines Lebens Auskunft, habe er selbst Alkohol getrunken. Er war der Außenseiter in einer Welt rauer Gesellen, musste schon als Vierjähriger eine Brille tragen. Andere Jungs gingen fischen oder auf die Jagd – »er blieb zuhause und malte seltsame Bildchen«. In Lucy, der immerzu ein wenig boshaften, fordernden Figur der Peanuts, sieht Michaelis einen Spiegel der beiden Frauen in Charles M. Schulz‘ Leben. 1951 heiratete er Joyce Halverson. Die Ehe wurde 1972 geschieden, Schulz heiratete Jean Forsythe Clyde, mit der er den Rest seines Lebens in Santa Rosa, Kalifornien, verbrachte.
Das Gewicht der Welt
Einer allzu engen biografischen Lesart seiner Comics hätte Schulz wohl selbst widersprochen – und doch wird beim Lesen der Biografie klar, wie sehr die Welt dieser kleinen Leute (»Li’l Folks« hatte der Zeichner seine Figuren zuerst genannt) geprägt ist von Unglück und Unzulänglichkeiten. Charlie Brown, obschon er hin und wieder triumphieren darf, bleibt das Bild des liebenswerten Verlierers. Seine Freunde zeigen nicht selten Charakterzüge, die man an Erwachsenen kaum schätzen würde. Aber sie sind Kinder, die in einer nahezu autarken Welt leben, in der ein halbes Jahrhundert lang die Zeit stillzustehen scheint. Die Peanuts sind Philosophen, Klugscheißer, sind ambitioniert, verzagt, verzweifelt, boshaft, egoistisch, herzensgut, trotzig, zerbrechlich, sind Jedermanns-Figuren. Sie sind der Weltschmerz unter einem Verkleinerungsglas.
Charles M. Schulz starb am 12. Februar 2000 in Folge einer Krebserkrankung. Er wurde 77 Jahre alt. Bereits m September 1999 hatte er angekündigt, die Peanuts beenden zu wollen. Dass am Tag nach seinem Tod die letzte Folge seiner Comicserie erschien, ist weder Zufall noch göttliche Fügung: Schulz, ein überaus gewissenhafter Künstler, hatte seine Zeichnungen stets eine Woche vor ihrer Veröffentlichung abgeliefert. (GEA)


