REUTLINGEN. Das Jahr hat kaum angefangen, da entwickelt sich die Region schon zum Zentrum der Gitarrenkunst. Im Glemser Hirsch wandelt Gismo Graf auf den Spuren Django Reinhardts. In Gomaringen ersetzt Alexandr Misko eine ganze Rockband. Und in der Reutlinger Mitte zelebrieren zwei Könner die Jazzgitarre. Als Christoph Neuhaus in die Runde fragt, wer denn hier selbst Gitarre spiele, traut sich kaum einer, den Finger zu heben – soll man es angesichts dieser Demonstration Gitarre spielen nennen, was man da zu Hause treibt?
Dabei ist die Sache völlig locker am Donnerstagabend im Keller in der Gartenstraße. Anfangs gleicht es fast einer Wohnzimmerrunde – offenkundig hat sich die frühe Anfangszeit um 19.30 Uhr nicht bei allen herumgesprochen. Nach und nach ist die Kulisse mit rund 50 Gästen aber recht ansehnlich.
Zur Einheit verschmolzen
Zwei Virtuosen verschmelzen hier in ihrem Spiel zur Einheit, die eigentlich sehr unterschiedlich sind. Neuhaus ist der Extrovertierte, angeregt plaudert er über ein gelbes Yamaha-Instrument, das er ergattert habe, das es so nur in Japan gibt. Das allerdings noch ein paar Zaubergriffe vonseiten eines kompetenten Gitarrenbauers benötige – praktisch, dass ein solcher in Reutlingen sitzt.
Im Konzert spielt Neuhaus ein amerikanisches Modell, eine typische Jazzgitarre mit elektrischem Tonabnehmerfeld und zusätzlichem akustischem Resonanzkörper. 1946 hergestellt, wie Neuhaus erzählt. Sein italienischer Kollege ist der wortkarg in sich ruhende Part des Duos. Zu seiner äußerlich recht zerschlissenen Akustikgitarre sagt er nur: »Sie ist nichts Besonderes, klingt aber trotzdem schön.«
Sich wandelnde Klangfarben
Tatsächlich klingt Neuhaus' Instrument eine Spur »elektrischer«, dabei sehr weich und mild. Während Roveris Gitarre einen »akustischeren« Ton produziert, trotz Verstärkung mit eingebautem Mikrofon. Es hat seinen eigenen Reiz, wie die Klangfärbung sich wandelt, während sie sich die Motive zuwerfen, mal der eine, mal der andere improvisierend ausgreift, wozu der Partner den swingenden Beat legt.
Mit welcher Selbstverständlichkeit sie dabei durch die Tongirlanden kurven, ist fabelhaft. Der stilistische Bogen ist weit gespannt. Bebop-Legende Charlie Parker kommt gleich mehrfach vor. Dessen Vorliebe für irrwitzig zuckende Linien gibt den beiden alle Gelegenheit, auf virtuoser Tongischt zu surfen. Man hält den Atem an, staunt, wenn sie in Unisono-Passagen wie aus einem Instrument durch die Oktaven jagen. Auch in einem brasilianischen »Choro«, einer Vorform des Samba, zelebrieren sie eine solche wilde Jagd.
Samtweiche Dämmerung
Und doch ist es nicht weniger beeindruckend, in den samtweich abgedunkelten Farbzauber einzutauchen, den sie ruhigeren Stücken entlocken. Ralph Towners »Tramonto« etwa, dem »Sonnenuntergang«, der mit versonnenem Tontröpfeln von Roveri beginnt, sich in zart verschwimmende Klangfelder ausbreitet, aus denen einzelne Glanzlichter hervorblinken.
Oder »Falling Grace« von Steve Swallow, dem Bassisten und Lebenspartner von Carla Bley: Aus kargen Dissonanzen entwickelt sich ein traumverlorenes Dahintreiben, ehe sich ein entspannter Beat einschleicht, über dem sich die Melodik in kraftvollen Akkorden erhebt. Auch ein Walzer aus Neuhaus' Feder öffnet das das Tor zu einer wohlig-schummrigen Dämmerung. Während man sich in Chet Bakers »I Fall in Love too Easily« einfach nur reinfallen lassen kann.
Rasante Gute-Laune-Nummern
Da braucht es ein paar aufgekratzte Gute-Laune-Nummern, um wieder Leben in die Bude zu bringen. Wie »Better Days Ahead« von Pat Metheny, Peter Bernsteins »Carrot Cake« oder als Zugabe den Standard »On Green Dolphin Street«. Von Anstrengung ist auch da noch keine Spur. Und für alle Amateure im Saal klar: Ehe solche Regionen in Sicht kommen, ist noch viel zu üben. (GEA)


