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Gitarrenglut in kalter Winternacht: Gismo Graf im Glemser Hirsch

Gismo Graf wurde bekannt als Wunderkind des Gypsy-Jazz. Er ist seinem Vorbild Django Reinhardt treu geblieben, mischt in sein Konzert im Glemser Hirsch aber auch noch anderes hinein.

Sie haben den Swing: Gismo Graf (vorne) mit seiner Schwester Cheyenne, Vater Joschi Graf und Joel Locher am Bass.
Sie haben den Swing: Gismo Graf (vorne) mit seiner Schwester Cheyenne, Vater Joschi Graf und Joel Locher am Bass. Foto: Thomas Morawitzky
Sie haben den Swing: Gismo Graf (vorne) mit seiner Schwester Cheyenne, Vater Joschi Graf und Joel Locher am Bass.
Foto: Thomas Morawitzky

GLEMS. Seit Gismo Graf mit seinem Trio auf der Szene erschien, sind mehr als 15 Jahre vergangen. Damals war der Gitarrist gerade einmal 18 Jahre alt, ein Wunderkind des Gypsy-Jazz, sehr bald bekannt nicht nur im ganzen Land. Seit Oktober ist er 33, seinem Vorbild Django Reinhardt ist er treu geblieben, seine Finger tanzen mit dem erstaunlichsten Können über das Griffbrett seiner Gitarre. Gismo Graf und sein Instrument scheinen eins zu sein, jede Regung der Saiten beherrscht er mit dem allerfeinsten Gefühl und perfekt dosiertem Temperament.

Am Freitagabend im Glemser Hirsch lauscht ihm ein Publikum, das den Saal nicht ganz ausfüllt, und bestaunt einmal mehr eine Musik, die so emotional wie artistisch ist – und die sich immer wieder steigert, in rauschhaftes Tempo. Draußen liegt die eisige Nacht, weht der Wind den Schnee durch dunkle Gassen, drinnen glüht die Gitarre.

Vorbild Django Reinhardt

Im Zentrum steht bei Gismo Graf noch immer Django Reinhardt. Mit ihm hat er begonnen, ihm ist er treu geblieben. Der Stuttgarter Gitarrist und Hochschullehrer Werner Acker bot Gismo Graf einst einen Studienplatz an – und Gismo lehnte ab, hätte das Studium doch bedeutet, das Vorbild zu vergessen und noch einmal von vorne zu beginnen.

Manch ein Stück, das von Django Reinhardt komponiert wurde, findet sich in seinem Repertoire, manch eines, das zwar älteren Ursprungs ist, aber von Reinhardt gespielt wurde. Wie Django Reinhardt erlernte Gismo Graf das Spiel auf der Gitarre schon als Kind, und manchmal spielt er nun ein Stück, indem er ein Solo seines Vorbildes nahezu exakt kopiert.

Wie man einen Bassisten fängt

Ein wenig, dieser Eindruck entsteht beim Glemser Konzert, scheint Gismo Graf aber auch Interesse an klassischen Vorlagen gefunden zu haben. Gleich als drittes Stück des Abends spielt er mit seinem Trio den zweiten norwegischen Tanz von Edvard Grieg – eine Musik, der der Gitarrist eine geradezu jazzige Anmutung gibt. Und die sich mit leiser, schwärmerischer Melancholie gut ins Programm einfügt – auch wenn hier das Tempo eher gedämpft auftritt.

Aber Joel Lochers Bass singt mit schnellem, flirrendem Schlag, zaubert ein überirdisches Solo hinein in den nördlichen Tanz, ehe das Stück plötzlich Fahrt aufnimmt und Grieg sich in Gypsy-Jazz verwandelt. Gismo Graf, zu Scherzen aufgelegt, wird später behaupten, er habe Joel Locher in seinem Garten kennengelernt. Grafs Garten litt unter einer Schneckenplage, der Besitzer stellte eine so genannte Bierfalle auf, erwachte nachts von einem gluckernden Geräusch – und fand den Bassisten. Soweit die Geschichte, die nur wahr sein kann.

Es geht noch schneller

Eröffnet hatte das Trio mit einer Komposition von Joschi und Gismo Graf, die sie einem mailändischen Zauberer und Komödianten namens Skizzo widmeten, einem guten Freund – und dem angeblich letzten Stück, das auf der Titanic erklang. Schließlich betritt Cheyenne, die Schwester Gismo Grafs, die Bühne und schließt sich dem Trio als Sängerin an. Sie trägt mit rauchig-geschmeidiger Stimme Jazz-Standards vor wie »I Got Rhythm« oder viel später dann »It Don’t Mean a Thing« – ein Stück, bei dem ihre Begleiter ein unfassbares Tempo vorlegen, Gismo Grafs Finger pulsierend im Rhythmus, rasend in ihrer Sicherheit übers Griffbrett fliegen. »Das war schnell!«, sagt er selbst danach und lacht.

Joschi Graf indes begleitet den Sohn mit dem weichen, singenden Stoizismus seiner Rhythmusgitarre, breitet allzeit sein Muster aus sanft und locker vorantreibenden Akkorden vor ihm aus. Die Zugabe beginnt Gismo Graf mit der »Improvisation Nr. 2« von Django Reinhardt – und das Trio verabschiedet sich mit »Minor Swing«, der Hymne Django Reinhardts – in die sich an diesem Abend noch einige andere Melodien mischen.