TÜBINGEN. Mit dem Anspruch, ein abendfüllendes Werk zu schreiben, nach dessen Aufführung die Leute sagen »Ich hab' etwas erlebt«, hat sich Gerhard Kaufmann ans Komponieren einer Messe - der Missa »Et homo factus est« - gemacht. Weil Martin Künstner das Werk angeregt hat und es mit dem Philharmonia Chor Reutlingen in Köngen und Tübingen auch uraufführt, hat Kaufmann seine Messvertonung Künstner gewidmet.
Die beiden kennen sich gut. Auch aus dem Philharmonia Chor, den Künstner leitet und in dem Kaufmann seit einigen Jahren singt. Künstner hatte den in Reutlingen geborenen Komponisten, der von 1986 bis 2009 Kantor an der Tübinger Stiftskirche war, auch schon als Organisten für die Aufführung der Hubertusmesse, an der traditionell Parforcehörner beteiligt sind, engagiert.
Rufe in den Hörnern
Künstners Anregung, doch mal etwas für Chor und Parforcehörner zu komponieren, brachte Kaufmann ins Grübeln. Was nicht zuletzt daran lag, dass sich mit ventillosen Parforcehörnern, die vorrangig im jagdlichen Brauchtum zum Blasen von Jagdsignalen dienen, lediglich Naturtöne spielen lassen. Vom tiefen Es bis zum hohen B, wie Kaufmann erklärt. Die Funktion dieser Blasinstrumente für die Jagd hat er bei seinem neuen Werk ausgeklammert. Er setzt die Parforcehörner darin nicht für Signale, sondern für Rufe ein. Er nutzt sie außerdem für feierliche Abschnitte oder lässt sie, den Chor begleitend, lange Pedaltöne intonieren. Was voraussetzt, dass die Hornisten auch leise spielen können. Auch müssen sie rhythmisch sehr sauber spielen können – wenn der Chor beispielsweise einen lauten Abschluss hat und die Hörner weiter im Fortissimo bleiben und Impulse setzen.
Insgesamt, schreibt Kaufmann im Vorwort seiner Messvertonung, habe sich die Kombination von Chor, vier Parforcehörnern in Es und Orgel als »geeignet für vielfache Kontrapunktik und farbenreiche Harmonik« erwiesen. Dabei habe er streng festgehalten an der traditionellen Satzkunst, »sodass sich umso mehr expressive Melodik und dramaturgische Bildhaftigkeit vor diesem Hintergrund abheben konnten«.

An den Aufführungen am 15. November um 19 Uhr in der Peter- und Paulskirche Köngen und am 16. November um 18 Uhr in der Stiftskirche Tübingen beteiligt sind neben dem Philharmonia Chor Reutlingen ein Favoritchor aus Solisten - Nina Großmann (Sopran), Mirjam Kapelari (Alt), Valentin Bauer (Alt) und Ansgar Eimann (Bass) - sowie an den Parforcehörnern Wolfram Richter, Sebastian Schorr, Franz Wizemann und Jürgen Jubl und Frank Oidtmann, der den »großen und schwierigen Orgelpart« (so Künstner) übernimmt. Kaufmann hat den Part der Orgel so angelegt, dass bei späteren Aufführungen auch ein Orchester an seine Stelle treten könnte. Die Aufführung mit Orgel bedingt es, dass die weiteren Ausführenden dicht bei der Orgel stehen. So wird in der Stiftskirche auf der Empore gesungen.
Aufführungsinfo
Gerhard Kaufmanns Missa »Et homo factus est« erklingt erstmals am Samstag, 15. November, um 19 Uhr in der Peter- und Paulskirche Köngen und ist am Sonntag, 16. November, um 18 Uhr in der Tübinger Stiftskirche zu hören. Karten gibt es an den üblichen Vorverkaufsstellen. (GEA)
Der Himmel heutiger Hoffnungen ist verhangen, stellt Kaufmann fest und nennt kriegerische Auseinandersetzungen, besorgniserregende klimatische Veränderungen der Erde und Großmachtfantasien der Künstlichen Intelligenz als Beschwernisse unserer Zeit. Er will seine Messvertonung nutzen, um - in Auseinandersetzung mit einem alten Text, der für eine tiefe Verwurzelung steht in Zeiten, in denen so vieles hinweggefegt wird - in einen Austausch nicht nur mit einer bestimmten Klientel, sondern seinen Zeitgenossen insgesamt über das Menschsein und Hoffnungen und Ängste zu treten. Das soll bereits das expressive »Kyrie« deutlich machen.
Ein Zentrum hat die Messvertonung mit dem »Benedictus«. »Weil ich mich«, wie Kaufmann sagt, »da zum Lied, zur Urform der Musik, bekenne. Und weil ich in diesem in sich ruhenden 'Benedictus' etwas an Hoffnung sehe.« Da sei etwas, das gleichsam sage: »Wühlt euch nicht immer nur auf.« Martin Künstner sieht in diesem Satz »Bruckner-Anklänge«. Klaus Ehring vom Philharmonia-Chor-Vorstand sagt, das »Benedictus« sei »wunderschön zu singen«. Das »Agnus Dei«, das das rund 80 Minuten dauernde Werk beschließt, ist nach Aussage des Komponisten »kontrapunktisch der dichteste Satz«. (GEA)

