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Gemütliches Gartenfest mit Zucchero in Tübingen

TÜBINGEN. Italo-Pop. Dieses Wort wird gemeinhin mit angewidertem Unterton ausgesprochen. Okay, daran ist Eros Ramazzotti nicht ganz unschuldig. Wer das sonst überhaupt sein könnte, diese Frage löst nördlich der Alpen oft nur Schulterzucken aus. Erstaunlich, wie vielen Menschen mit eigentlich gutem Musikgeschmack da so manches entgeht.

Foto: Jürgen Meyer
Foto: Jürgen Meyer
Zuallererst Zucchero: ein Elder Statesman der Rockmusik, in einer Liga mit Bruce Springsteen und Joe Cocker zu verorten. Er macht Musik mit Bono von U2, Mark Knopfler von den Dire Straits, mit Eric Clapton und B. B. King, Pavarotti und Andrea Bocelli.

Käme einer dieser Musikkumpels mit, wären die Konzerte ausverkauft. Zucchero allein zieht hier in der Gegend offenbar nicht recht: Etwa 2 500 Leute hörten am Samstagabend in Tübingen das Open-Air-Konzert zwischen Landratsamt und Sparkasse. Am Vorabend hatten die Fantastischen Vier 6 200 Fans dorthin gelockt. Von der reichlich nassen Sause der Stuttgarter Hiphopper kündeten am Samstag nur noch ein paar durchweichte Schlammlöcher.

Italiener und Genießer

Dabei war der Abend mit dem italienischen Weltstar eigentlich die bessere Wahl, nicht nur wegen der rosa Abendwölkchen, sondern weil es ein herrlich entspanntes Gartenfest wurde. Vornehmlich die Generation Ü50 (»Wir kommen bis aus Mannheim, schreiben Sie das!«) und viele Exilitaliener flanierten entspannt übers Gelände. Es gab genügend Platz, um ins Gras zu sitzen oder mit Kindern und Großeltern ausgelassen zu tanzen. Enger Stehblues war selbstverständlich auch dabei.

Während der gemeine Deutsche von Zucchero wenig mehr kennt als die eher schmonzettigen Hits »Senza una Donna« und »My Love«, rockten die Fans am Samstag, schwelgten in Melodien und unterstützten den 61-jährigen Sänger sehr textsicher. Zucchero sang sich quer durchs 2016 veröffentlichte Album »Black Cat«, wobei die schwarze Katze hier kein Pech bringt: Auch die neuen Sachen sind eingängig, ohne öde zu sein. Mal gospelt und mal bluest es, mal orgelt, mal brasst, mal wummst es.

Aber natürlich taugen ältere Hits noch viel besser, um einen Sommerabend zu feiern. »Baila Morena«, tanz! Da trommeln die Streife gehenden Polizisten auf ihrer Schutzweste mit, und die DRK-Bereitschaft schreibt auf Facebook: Gar nicht so übel, irgendwie. Man muss ihm einfach huldigen. Diese sagenhaft dreckige Stimme, die traumsicher jeden Ton trifft und so viele Nuancen hat.

Tanzen und Mittrommeln

Wie genial er die elfköpfige Band zusammengestellt hat, einen bunten internationalen Haufen mit vielen Frauen, unter anderem an Schlagzeug und Gitarre. Wie er scheinbar mühelos immer neue Melodien liefert, die sich reindrehen und drinnen bleiben. Unter den Altherren-Rockern ist er sicher einer der vitalsten. Zweieinhalb Stunden lang reiht er einen Song an den anderen, wiegt dazu sein wie immer zylindergeschmücktes Haupt und wedelt auch mal mit den Armen wie Joe Cocker selig.

Sein Publikum hat sich leider nicht so gut gehalten. In den Pausen vor den Zugabe-Blöcken setzt nicht nur Applaus ein, sondern auch der große Exodus. Bloß schnell heim, scheinen die Blasen oder Gesäße mancher Gäste zu signalisieren. Bloß schnell ausparken. Jetzt war's doch schön genug. Schade und auch ziemlich ungezogen. Deswegen hier noch mal: Applaus für Zucchero! (GEA)