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Gefüllte Leerstellen: Mozarts »Zaide« bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen hatte Mozarts Singspiel-Fragment »Zaide« Premiere. Bei der Kooperation mit der Stuttgarter Staatsoper galt es, einige Leerstellen zu füllen.

Liebesbande: Andrew Bogard als Allazim (links), Natasha Te Rupe Wilson als Zaide und Moritz Kallenberg al Gomatz.
Liebesbande: Andrew Bogard als Allazim (links), Natasha Te Rupe Wilson als Zaide und Moritz Kallenberg al Gomatz. Foto: Martin Sigmund
Liebesbande: Andrew Bogard als Allazim (links), Natasha Te Rupe Wilson als Zaide und Moritz Kallenberg al Gomatz.
Foto: Martin Sigmund

LUDWIGSBURG. Das ist schön kraftvoll und wütend, was der »Bourgeoisie« im Publikum von der Bühne herunter so entgegengeschmettert wird: »Wer wischt den Arsch eurer Eltern?« oder »Was du nicht in deine Taschen stecken kannst: Feministischer / Intersektionaler Klassenkampf« oder »Ich seh dein Augenroll'n / Mit dem Rücken zur Wand / Komm, ich zeig' dir, wie es geht / Alter weißer Mann.« Da gibt’s dann ab und zu auch mal ein »Buh« zu hören im schmucken Ludwigsburger Schlosstheater mit seiner barocken Bühne. Darauf agiert munter und engagiert ein 14-köpfiges »Erzählkollektiv« aus jungen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Backgrounds. Es hat die Aufgabe, die vielen Leerstellen zu füllen, die Mozart mit seinem deutschen Singspiel »Zaide« hinterließ. Denn es blieb Fragment. Ihm fehlen Ouvertüre, Finale und die gesprochenen Dialoge. Um die 15 vollständig überlieferten Nummern für die Bühne zu retten, sind stets eigene, neue Lösungen gefragt. Eine dieser Rettungen hatte jetzt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen (in Kooperation mit der Stuttgarter Staatsoper) Premiere.

In »Zaide« wandte sich Mozart noch vor der »Entführung aus dem Serail« dem Sujet der sogenannten »Türkenoper« zu: Der Europäer Gomatz ist auf osmanischem Gebiet in die Hände des Sultans Soliman gefallen und muss nun als Sklave in einem Steinbruch ackern. Die Europäerin Zaide wird vom Sultan heftig umworben und in seinem Harem festgehalten. Zaides Liebe jedoch gehört Gomatz. Die beiden versuchen, gemeinsam zu fliehen, aber werden gefasst und sollen sterben. Hier bricht Mozarts Komposition ab.

Klischees aufs Korn genommen

Die Ludwigsburger Produktion in der Regie von Jessica Glause geht den einzig richtigen Weg: Sie lässt das Fragment Fragment sein und nutzt die Leerstellen für Kommentare aus heutiger Sicht – auch sichtbar in den Outfits, von der Arbeits- bis zur Straßenklamotte (Kostüme: Lena Winkler-Hermaden). Das Bühnenbild von Mai Gogishvili zeigt Drapagen aus braunen Stoffplanen und fluoreszierendem Plastik, später leuchtet ein buntes LED-Palasttor im Hintergrund. Es geht darum, einerseits Mozarts aufklärerische Forderung nach den Menschenrechten Freiheit, Gleichheit, Würde zu unterstreichen – was heute etwa prekäre Dienstleistungsbereiche wie Essenslieferanten, die Textilherstellung, das Leiden von Geflüchteten, Geschlechter-Ungerechtigkeit oder männliche Gewalt gegen Frauen angeht. Andererseits werden die antimuslimischen und rassistischen Klischees der Mozart-Zeit, die in »Zaide« reproduziert werden, aufs Korn genommen.

An den Zwischentexten hat das »Erzählkollektiv« mitgearbeitet und auch persönliche Erfahrungen etwa der Ausgrenzung und des Sexismus mit einfließen lassen. Und sie skandieren Texte zu Elektropop-Klängen und -Beats: Songs der sozialkritischen Komponistin Eva Jantschitsch. Sie fordern Zaide auf, sich emanzipierter zu verhalten oder bashen den Menschenausbeuter Soliman (»Du bist nicht emotional, du bist gefährlich!«), nachdem er, die Peitsche schwingend, von seinen Gefühlen Zaide gegenüber gesungen hat.

Klein besetzter Streicherapparat

So weit, so gut. Probleme offenbaren sich auf anderer Seite, jener, die das Ganze eigentlich über das Niveau eines freilich sehr engagierten Schulprojekts hinausbringen müsste: der musikalischen Umsetzung des Mozart-Fragments in der Leitung Vlad Iftincas. Sie beginnen mit dem Orchester, dem es an einer operngerechten Streichergrundierung mangelt, weil der Streichapparat schlichtweg zu klein besetzt ist und der extrem trockenen Akustik des Schlosstheaters nichts entgegenzusetzen hat. Und was die stimmliche Präsenz und das Rollenprofil der vier Singenden angeht, wirkt vieles noch halbfertig. Die Sopranistin Natasha Te Rupe Wilson etwa verschenkt die Wirkung des Juwels der Oper, Zaides Arie »Ruhe sanft, mein holdes Leben«, weil sie sich nicht auf die emotionale Feinzeichnung dieses kraftvoll-schönen Liebesliedes konzentriert, sondern ständig mit einem Riesenseidentuch herumhantiert. Dem überaktiven Tenor Moritz Kallenberg als Gomatz mangelt es an Kontrolle, Tenor Torsten Hofmann als Soliman berserkert seine Arie »Der stolze Löw’« herunter und Bassbariton Andrew Bogard als Fluchthelfer Allazim scheint jede Strahlkraft abhandengekommen zu sein. Von den gesungenen Texten ist sowieso fast nichts zu verstehen. Geschweige denn im großen Quartett, dem es völlig an der nötigen Stimmbalance fehlt.

Aufführungsinfo

»Zaide« ist weiter im Ludwigsburger Schlosstheater zu sehen: am 26. und 28. Juni sowie am 2., 8., 10. und 12. Juli. (GEA)

Bleibt die Frage nach dem Ende. Das wird natürlich – wiederum überzeugend – offengehalten, mit einem klaren Plädoyer der Jugend: »Die alte Zeit muss weichen.« Keine Frage. (GEA)