LUDWIGSBURG. Steinway-Flügel sind zum Glück sehr robuste Instrumente, denn sie müssen zuweilen einiges aushalten. Vor allem, wenn Sergei Rachmaninows drittes Klavierkonzert auf dem Programm steht, wie jetzt im Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit dem Berliner Konzerthausorchester und seiner Chefdirigentin Joana Mallwitz. Wer sich an dieses »Elefantenkonzert« (Originalton Rachmaninow) herantraut, muss enorme Prankenkraft, sportliche Disziplin und ein hohes Maß an virtuoser Überfliegerei mitbringen. Es gehört zu jenen Klavierkonzerten, die als Gipfel- und Endpunkt dieser Gattung angesehen werden. Rein technisch wird ein Können verlangt, das kaum noch zu steigern ist. Mehr geht einfach nicht.
Im Ludwigsburger Forum am Schlosspark war der junge georgische Virtuose Giorgi Gigashvili am Start. Er ging sehr selbstbewusst zur Sache, machte selig lächelnd gleich klar, dass er das melodisch so attraktive und weitgespannte Thema, mit dem das Konzert beginnt, nicht als abgeklärt lyrisch versteht, sondern als besonders gefühligen Gedanken. Schön spielen kann der 25-Jährige, und zulangen auch – was euphorisch rausgehauene Akkordketten und anderes virtuoses Material angeht. Gigashvili setzt da gerne auf Pedalmarinade, was gut für den Klangwolkeneffekt ist (in dem sich danebengehende Töne gut verstecken lassen), aber schlecht für ein ausdifferenziertes Klangbild.
Dialogartig verzahnt
Wirklich interessant wird dieses Konzert erst, wenn der virtuose Furor aufgeht in einer klanglich perfekt ausbalancierten Zusammenarbeit mit dem Orchester. Denn Solo-Stimme und Orchesterpart sind meist dialogartig verzahnt, Solist und Kollektiv sind hier keine Kontrahenten. Da ist größtmögliche Transparenz gefordert. Davon konnte aber keine Rede sein. Was allen Beteiligten in der Leitung von Mallwitz gut gelang, war der große Bogen des dramatischen Flusses mit seinen Themenflächen, ihren Auflösungen und Fortspinnungen. Der Sound des Streicherapparats aber wirkte oft schwammig und monochrom, die Holzbläser waren meist nicht zu hören, und manchmal übertönte der Pianist das Orchester.
Aber wunderschön: Gigashvilis erste Zugabe: eine der kleinen, so feinen Klaviersonaten Domenico Scarlattis, witzig-spritzig, liebevoll und darin anrührend gespielt. Da hätte man die zweite aus Prokofjews siebter Klaviersonate, mit der er wieder den bruitistisch-virtuosen Ton aufnahm, gar nicht gebraucht. Was das Publikum freilich anders sah.
Im Transparenzmodus
Eine diametral entgegengesetzte Klangwelt öffnete sich dann in der zweiten Konzerthälfte mit Schuberts »Großer« C-Dur-Sinfonie. Und das Konzerthausorchester spielt sie formidabel, jetzt ganz im Transparenzmodus, alle Orchesterfarben auskostend, die sprechende Gestik dieses frühromantischen Werks genau treffend und artikulierend. Alles baute sich minuziös auf: etwa der zweite, langsame Satz, der zunächst über entspanntem Trauermarsch-Pochen und zirsensisch-tänzerisch sich gerierenden Holzbläsern sich mehr und mehr zur Katastrophe, zu gewalttätigen Ausbrüchen verdichtet, um dann in eine tödliche Generalpause zu münden.
Joana Mallwitz forderte jetzt Detailgenauigkeit ein im Dienste des sprechenden Flusses. Ihr Dirigierstil ist faszinierend, wirkt wie choreografiert: Mal steht sie in ballettös kerzengrader Haltung mit auswärts gedrehten Füßen da, mal springt sie hin und her wie eine Fechterin. Spektakulär und hier hörbar wirksam! Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus. (GEA)

