REUTLINGEN. Spätestens seit Lionel Martin, der im Alter von fünf Jahren mit dem Cellospiel an der Tübinger Musikschule begann, Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung wurde (2017) und er mit dem Programm »SWR2 New Talent« (2021) eine zusätzliche Förderung erfuhr, wird dem jungen Musiker großes Interesse zuteil. Er ist längst in großen Konzertsälen zu hören, gibt unter anderem mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter regelmäßig Konzerte. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen spielt mit ihm am 20. Oktober in der Reutlinger Stadthalle Robert Schumanns Cellokonzert a-Moll und präsentiert dieses Programm mit ihm im Anschluss auch im österreichischen Wels und im Wiener Musikvereinssaal.
Am Samstag war der junge Cellist mit der Freien Sinfonie Tübingen in der Reutlinger Kreuzkirche zu erleben. Antonín Dvoráks Cellokonzert in h-Moll stand auf dem Programm. Lionel Martin legte als Solist jene Eigenschaften an den Tag, für die er unter anderem von seiner Förderin gepriesen wird. Er sei ein »wunderbar sensibler, spontan reagierender und großartiger Imaginationskünstler«, hat Anne-Sophie Mutter über ihn gesagt. Dvoráks Konzert, das für den Komponisten nicht zuletzt Gedenken an seine verlorene Jugendliebe Josefine war, begegnete der Interpret in der Kreuzkirche mit kompromisslosen Klängen, die an keiner Stelle Raum für plätschernde Beschaulichkeit ließen. Die lyrischen Passagen waren hörbar tief empfunden. Hinzu kam ein Funken schlagender Energieaustausch mit dem von Thomas J. Mandl, Professor für Chor- und Orchesterdirigieren und Rektor an der Evangelischen Kirchenmusikhochschule Tübingen, geleiteten Orchester.
Mild-warme Erinnerung
Es schien, als habe der technisch makellos spielende Lionel Martin einen direkten Zugang zu Dvoráks Imaginationskraft und nutze seine feinen Sensoren, diese Kraft auch in sich selbst produktiv zu machen. An einer Stelle, an der die Musik zu tänzeln begann, ließ der Cellist gleichzeitig Schmerz anklingen. Andererseits waren da Töne, die er als Schmerzensklänge artikulierte, mit einem Vibrato, das er ihnen mitgab, aber in mild-warme Erinnerung umdeutete. Alles schien möglich in dieser Musik, nur nicht das bloße Abrufen von Vorgestanztem, von musikalischer Pose, von Konvention.
Sehnsuchtsklänge des Horns, von Klarinetten und Oboen und ein klingender Dialog des Solocellisten mit dem Konzertmeister verorteten die Musik darüber hinaus in Wehmut. Wobei - nach einer gewissen Dramatik und nachdem mit »Lasst mich allein« Josefines Lieblingslied zitiert war - am Ende auch eine gewisse Verklärung zu spüren war.
Lamento als Zugabe
Als Zugabe spielte Lionel Martin das Lamento aus der 1. Cellosuite von Benjamin Britten, »einem bekennenden Pazifisten«, wie er im Konzert sagte. Diese Musik lenkte den Blick in berührender Weise auf Empathie und Menschlichkeit.
Die Freie Sinfonie Tübingen hatte den Abend mit der Ouvertüre zu »Die lustigen Weiber von Windsor« eingeleitet. Otto Nicolais Meisterwerk musikalischer Charakterisierungskunst war bei dem überwiegend mit jungen Spielerinnen und Spielern besetzen Orchester in guten Händen. Das Komische und das Fantastische gingen in ihrer erfrischenden Darbietung eine launige Verbindung ein, die Klänge waren transparent und voller Esprit.
Würdevoller Glanz
Schön war es auch zu hören, wie das Orchester Johannes Brahms' »Variationen über ein Thema von Haydn« interpretierte. Das würdevoll als Bläserchoral vorgetragene Thema wechselte lebhaft, teils anmutig die Farben, variierte in Dur und Moll, kam tänzerisch, in fast wildem Charakter, pastoral und auch geisterhaft daher. Um schließlich in würdevollem Glanz und moderatem Pomp zu enden. (GEA)

