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Frank Holger Schneider schickt einen Tübinger Teenager auf Tour

Wie fühlt es sich an, wenn man als Jugendlicher zum ersten Mal allein auf Tour geht – und das ohne das Wissen der Eltern? Im Roman »Ennos Tanz« des Tübingers Frank Holger Schneider wird ein charmant erzähltes Abenteuer daraus.

Der Mindelsee bei Radolfzell: Im Hinterland von Konstanz am Bodensee erlebt der 14-jährige Enno seine Abenteuer.
Der Mindelsee bei Radolfzell: Im Hinterland von Konstanz am Bodensee erlebt der 14-jährige Enno seine Abenteuer. Foto: Flodur
Der Mindelsee bei Radolfzell: Im Hinterland von Konstanz am Bodensee erlebt der 14-jährige Enno seine Abenteuer.
Foto: Flodur

TÜBINGEN. Er übt einen der wichtigsten Posten der Unistadt Tübingen aus: Frank Holger Schneider leitet das Biergartenteam der Neckarmüllerei. Schneider arbeitete aber auch am Freien Theater Lübeck, schrieb Theaterstücke, und in Tübingen, wohin ihn das Studium verschlug, wurde er unter anderem zum Teil des Brechtbautheaters.

Nun hat er einen Roman vorgelegt, »Ennos Tanz«, der einen Teenager in den Mittelpunkt rückt, der zum ersten Mal allein in die große Welt aufbricht. In der Ich-Perspektive lässt Schneider diesen Enno mitsamt seiner pubertätsmäßig durcheinandergewirbelten Innenwelt so plastisch auferstehen, dass sich Jugendliche darin wiedererkennen und erwachsene Leser unweigerlich in ihre eigene Jugendzeit zurücksinken werden.

Aufbruch mit Müllsack-Zelt

Der 14-jährige Tübinger Enno hat seinen Eltern zum ersten Mal das Zugeständnis abgerungen, nicht mit in den verhassten Ostsee-Urlaub zu müssen. Während seine Eltern davon ausgehen, ihr Sohnemann hüte das Haus, packt dieser ein aus Mülltüten gebasteltes Zelt in den Rucksack und setzt sich in den Zug. Zwei Wochen kreuz und quer durch Baden-Württemberg sind der Plan.

Frank Holger Schneider: Ennos Tanz, Roman, 200 Seiten, 22 Euro, Edition Klöpfer im Kröner Verlag, Stuttgart.
Frank Holger Schneider: Ennos Tanz, Roman, 200 Seiten, 22 Euro, Edition Klöpfer im Kröner Verlag, Stuttgart. Foto: Alfred Kröner Verlag
Frank Holger Schneider: Ennos Tanz, Roman, 200 Seiten, 22 Euro, Edition Klöpfer im Kröner Verlag, Stuttgart.
Foto: Alfred Kröner Verlag

Stattdessen strandet Enno auf der Bodenseehalbinsel hinter Konstanz und richtet ungewollt jede Menge Chaos an. Bringt sich in Zwangslagen, aus denen er sich mit viel Kreativität herauswurstelt. Er trifft wohlwollende und bösartige Erwachsene, schläft im Wald, nistet sich in einer Schrebergartensiedlung ein, erlebt seinen ersten Kuss, gerät in die Polizeispalte der Lokalpresse. Wieder heimzukommen, entpuppt sich am Ende als weit schwierigeres Unterfangen als gedacht. Aber Enno wäre nicht Enno, würde ihm nicht auch dafür ein bizarrer Plan einfallen.

Pubertäre Gedankenwelt

Hautnah lässt Schneider den Leser miterleben, wie es sich anfühlt, wenn man sich als Teenager zum ersten Mal abnabelt, ganz allein aufbricht. Wenn die Welt groß und weit wird, aber auch voller Tücken, die man nicht bedacht hat. Man ist als Leser mittendrin in dieser pubertär durchgeschüttelten Gedankenwelt, in der man oberschlau und haarsträubend naiv zur selben Zeit sein kann, im einen Moment alles durchdenkend wie ein Erwachsener, im nächsten albern wie ein Siebenjähriger.

Beherzt macht sich Enno auf alles seinen eigenen Reim und zieht dazu gerne auch Goethe und Sherlock Holmes heran. Der Leser leidet und freut sich mit ihm. Und gestärkt durch all seine Abenteuer kann Enno natürlich auch die verkorkste Geschichte mit der von ihm angehimmelten Marie nochmal anders in den Blick nehmen. Ein so vergnüglicher wie herzerwärmender Ausflug in die Zeit des ersten großen Aufbruchs. Und gleichzeitig ein launiges Porträt der Landschaften und der Typen auf der Konstanzer Halbinsel am Bodensee. (GEA)