TÜBINGEN. Die Manns seien für Deutschland das, was die Royals für Großbritannien seien, kolportiert ein Spruch in der Literaturszene: Am Beispiel einer scheinbar abgehobenen Familie spiegelt sich doch das Schicksal einer Nation. Seltsam, dass bei all den Wälzern und Traktaten über die Manns ein entscheidender Moment relativ unbeleuchtet geblieben ist: Jener, als der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann sich angesichts der Machtergreifung der Nazis gezwungen sah, mit Frau und Kindern Deutschland zu verlassen.
Der Autor Florian Illies hat sich diesen Moment nun vorgeknöpft. Darauf gestoßen war er bei Recherchen zu einem anderen Buch im südfranzösischen Sanary, wie er am Dienstagabend im Tübinger Kino Museum auf Einladung der Buchhandlung Osiander einer illustren Schar von mehreren Hundert Gästen verriet. Sanary, jenes 300-Seelen-Kaff, in dem 1933 mehr oder weniger die komplette demokratisch gesinnte Literaturelite strandete auf ihrer Flucht vor der braunen Diktatur: von Lion Feuchtwanger bis Bertolt Brecht, von Franz Werfel bis Aldous Huxley.
Ratloser Geistesriese
Illies erzählt, er habe zu Thomas Mann lange Distanz gehalten. Zu unnahbar, zu sehr von der eigenen Meisterschaft eingenommen erschien er ihm. Aber wie dieser Geistesriesen-Haushalt nun in München plötzlich seinen Hofstaat abbrechen muss, um in Südfrankreich in einer Villa einen Sommer lang einen neuen aufzuziehen, das fand Illies doch spannend. Vor allem auch, was das mit den sechs Kindern machte. »Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary« heißt sein Werk. Thomas Mann, der seinen Alltag mit norddeutscher Disziplin zu regeln pflegte, habe sich plötzlich in einer komplett unvorhersehbaren Situation wiedergefunden.
Ingrid Abeln von Osiander befragt Illies klug, ordnet ein, weist darauf hin, dass der Autor Kunstgeschichte und Geschichte studiert, mit Büchern über den Vorabend des Ersten Weltkriegs (»1913: Der Sommer des Jahrhunderts«) und Caspar David Friedrich Furore gemacht hat. Der Historiker-Hintergrund ist auch in Illies Mann-Buch offenkundig: Akribisch hat er die Tagebücher von Thomas, Golo und Klaus Mann durchforscht. »Zur Frage, wann sich wer von den Kindern wo aufgehalten hat, habe ich mir ein Diagramm erstellt«, erzählt er schmunzelnd. Sogar die Wohnung in Berlin, in der Monika Mann noch Wochen wohnte, als der Rest des Clans schon lange in Südfrankreich war, hat er ausfindig gemacht.
Humorvoller Erzähler
Illies, der nicht umsonst mit Giovanni di Lorenzo einen Kunst-Podcast betreibt, ist ein eloquenter Plauderer, weiß immer noch eine Anekdote und schlüpft beim Lesen mit herrlichem Humor in die verschiedenen Rollen. Das Publikum wird vorzüglich unterhalten – und nimmt profundes Familie-Mann-Wissen mit.
Im Buch ist das nicht anders: Mit feiner Ironie skizziert Illies Charaktere und Situationen. Etwa die Szene am letzten Tag in München vor der Abreise, als Thomas Mann damit hadert, dass der Aufbruch ihn um seine gewohnte Vier-Uhr-Mittagsruhe bringt. Göttlich, wie Illies das Mittagsmahl-Ritual schildert, das Thomas Mann in der Villa in Sanary seiner Familie aufnötigt, mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau Katja: Ein Blick von ihr, und noch die leiseste Unruhe bei den Jüngsten zu Tische sei »wie weggekärchert« gewesen.
Kinder als eigentliche Helden
Während der von ihm liebevoll überzeichnete Literaturgott Illies fremd bleibt, sind die Kinder seine Helden. Golo Mann, der zunächst in München die Stellung hält und das Geld von den Familienkonten sichert. Erika, die den Besitz der Familie ins Ausland schmuggelt. Klaus, der in Amsterdam eine Exilzeitschrift aufbaut. Auf ihre Weise auch Monika, die sich dem ganzen Flucht-Aufruhr entzieht, durchs Berliner Nachtleben stromert und tagsüber Klavier spielt, als die SA-Verbände schon durch die Straßen patrouillieren. Und die später in Südfrankreich einfach am Strand liegen bleibt, als der Rest der Familie weiter flüchtet.
So gibt es stille und laute Helden in dieser Geschichte. Es gibt heftigen Streit – weil Thomas Mann seinen Roman »Joseph und seine Brüder« mitten in Nazi-Deutschland herausbringen will. Es gibt das Buhlen um die Anerkennung des Vaters, der seine ganze Zuwendung über das Nesthäkchen Elisabeth ausgießt. Und doch große Geschlossenheit nach außen. So spiegelt sich in der Fluchtgeschichte dieser so außeralltäglichen Familie am Ende doch das, was mit dem ganzen Land passiert ist. An ihrem Beispiel lasse sich ablesen, »wie es ist, wenn die Demokratie stirbt«, so Illies. Zumindest wackeln tut sie auch heute. Von daher ein höchst aktuelles Buch. (GEA)

