RIEHEN/BASEL. Sie gilt als eine Ikone der Kunst und das vollkommen zu Recht, eigentlich müsste man Yayoi Kusama sogar eine lebende Legende nennen. Mit ihren 96 Jahren ist sie noch rege künstlerisch tätig. Keine Spur von Gebrechlichkeit, die Rückzugsabsichten erzwingen könnte. 1977 hatte sie sich selbst in eine psychiatrische Klinik in Tokio eingewiesen; in dieser Klinik lebt sie noch heute. Und sucht fast täglich ihr nahe gelegenes Atelier auf, um zu arbeiten.
Und so war es möglich, dass die große Retrospektive der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstanden ist. Ein gewaltiges Werk hat die 1929 in Matsumoto Geborene in neun Jahrzehnten geschaffen. Schon als Jugendliche, ja, als Kind zeichnete sie eifrig. Viele der Werke auf Papier, die im ersten Saal dieser weitgehend der Chronologie folgenden Schau dargeboten werden, entstanden noch vor oder kurz nach ihrem zwanzigsten Geburtstag: vollwertige Kunstwerke, hinreißend, überwältigend.
Schlangenartige Gebilde
Das jüngste Kunstwerk wiederum ist eigens für die Riehener Schau entstanden: »Infinity Mirrored Room«, eine immersive, den großen Saal im Untergeschoss vom Boden bis zur Decke ausfüllende Rauminstallation. Vom Saal aus sprießt und wuchert sie bis in den Gang hinaus. Hier wie da winden sich mächtige, schlangenartige Gebilde durch den Saal. Von den Wänden streben sie in den Raum, vom Boden zur Decke und umgekehrt. Die Farben sind dieselben wie die von Wänden, Decke und Boden. Es sind die ihrer berühmten »Pumpkins«, nur vertauscht: anstelle schwarzer Punkte auf gelbem Grund zeigen sie gelbe Kreise auf schwarzem Grund.
Zwischen dem Schaffen der Zehn- und der 96-Jährigen liegen ganze Welten der Kunst. Denn Kusama, die man heute vor allem für ihre »Polka Dots«, ihre Punkte-Bilder kennt, hat im Lauf der Jahrzehnte grundlegende Wandlungen durchlaufen.
Kunst, Mode, Literatur
Kusama zeichnete und malte nicht nur unermüdlich. Sie schuf Skulpturen und Installationen, entwarf Performances und auch Mode, ja, sie war auch literarisch tätig. All diese Aspekte ihres Schaffens vereint die Riesenschau von Riehen mit über 300 Kunstwerken; im Anschluss tourt sie nach Köln, zum Museum Ludwig, danach zum Stedelijk Museum in Amsterdam. Mehr als hundert dieser Werke sind in Europa erstmals zu sehen. Manche ausgestellten Werke befinden sich im Besitz der Künstlerin selbst, die ihre besten Sachen nicht verkaufte, sondern für sich behielt.
Wo aber anfangen und enden in der Beschreibung, wenn man in dieser Ausstellung doch vor einem veritablen Universum steht? Vielleicht fängt man am besten im Außenraum des Museums an, mit der Parkinstallation. Denn auf dem Teich vor der verglasten Westfront des Museums schwimmen 1.200 spiegelnde Kugeln aus Edelstahl, ähnlich wie bei der Biennale von Venedig 1966. Verzauberung gleich zu Beginn.
Frühe Zeichnungen
Fabelhafte Kunst sind dann schon die frühesten Arbeiten im ersten Saal. »Harvest« etwa, eine Pigmentzeichnung der Sechzehnjährigen: eine Farbsymphonie zwischen Figürlichkeit und Abstraktion. Wunderbar »Taihaku Leaves«, eine Grafit-Zeichnung der 19-Jährigen, die nicht mehr zeigt als ein paar Blätter des Kirschbaums. Auf diese Frühwerke folgen – auch zeitlich – zwei »Infinity Net«- Paintings: Werke in Grau und Weiß, nah am Verschwinden; große Kunst auch sie. Später werden die Bilder bunt, ohne an Eindrücklichkeit zu verlieren. Entstanden sind sie in den USA, wohin sie 1957 gezogen war. Nach 16 Jahren, 1973, kehrte Kusama nach Japan zurück.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung mit Arbeiten von Yayoi Kusama ist in der Fondation Beyeler, Baselstraße 101 in Riehen, bis 25. Januar 2026 zu sehen, Montag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. (GEA)
www.fondationbeyeler.ch
Wunderbare abstrakte Radierungen entstehen in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Im rückwärtigen großen Saal sind dann ihre fulminanten späten Malereien zu sehen: farbige Monochromien mit abstrakten Strukturen, die im kleinteiligen Allover wandfüllende Leinwände überziehen. Dort finden sich nicht zuletzt auch ihre berühmten »Pumpkins«. Meist füllen sie einzeln eine ganze Leinwand – Kürbisse im großen Format, auch als geräumige Skulpturen mit Wiedererkennungswert: schwarze Punkte auf gelben Oberflächen. Das überwältigende Riesenbild »Yellow Flame« von 1995 wendet das ausdrucksvolle Gemüse ins Abstrakte.
Daneben noch ein »Mirror-Room« sowie mehrere Räume mit Fotos, Filmen und Videoaufnahmen. Sie zeigen Yayoi Kusama als Weltkünstlerin und gute Seele der Kunst unserer Zeit, bei Performances und Happenings in den USA. (GEA)



