REUTLINGEN. Mit einer Auflage von rund 165 Millionen Büchern, die in 106 Sprachen übersetzt wurden, gehört die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren weltweit zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren. Aus Anlass ihres 20. Todestags widmete ihr die Stadtbibliothek zusammen mit dem Frauenforum einen literarischen Abend, zu dem rund 40 gespannt zuhörende Gäste erschienen waren. Die Historikerin Dr. Maria Regina Kaiser las aus ihrer Romanbiografie »Helle Nächte, dunkler Wald«, der Schauspieler Davis Liske trug dazu passende Passagen aus Lindrens Kinderbüchern vor.
Als Wissenschaftlerin hatte sich Maria Regina Kaiser zuerst mit den Fakten auseinandergesetzt, bevor sie das Leben Lindgrens szenisch umsetzte und dadurch unterhaltsam lesbar machte. Ebenso war Kaiser zuvor bei Biografien zu Hildegard von Bingen und Selma Lagerlöf verfahren, die sie interessierten, weil auch sie schriftstellerisch tätig waren. Die nächste Biografie ist bereits in Vorbereitung, mehr wollte die Referentin nicht preisgeben.
Die Kinderbuchautorin Lindgren wurde 1907 als Astrid Ericsson geboren. Kaiser beschrieb, wie sie durch ihre Freundin Edit die Geschichte von Prinz Florestan erzählt bekam. Voller Begeisterung ließen die Mädchen die Geschichten in ihrem schwedischen Dorf spielen und Ritter auf weißen Pferden durch den Wald reiten. Stichwort für den am Reutlinger Tonne-Theater tätigen David Liske. Er las aus Lindgrens Buch »Mio« vor, in dem ebenfalls ein Pferd eine zentrale Rolle spielt. Das Motiv des Schimmels findet sich später auch in »Pippi Langstrumpf« wieder.
Schwanger vom Chefredakteur
Schon als Kind für ihre Schulaufsätze gerühmt, begann Lindgren ein Volontariat bei einer Lokalzeitung und lernte dort die »W-Fragen« kennen, aus denen sich ein Artikel aufbauen soll: Wer, Was, Wann, Wie und Warum? »Für ihre Bücher war dieses Schema entscheidend«, betonte Kaiser. »Denn Astrid Lindgren schafft für Kinder beim Lesen eine sichere Grundlage, in dem sie zuerst genau beschreibt, wo etwas stattfindet und wer die handelnden Personen sind. Man glaubt sofort, sie zu kennen.«
Das sich positiv entwickelnde Leben Lindgrens bekam einen Sprung, als die junge Frau 1926 von ihrem – verheirateten – Chef Reinhold Blomberg schwanger wurde. Ihren Sohn Lars brachte sie heimlich in Kopenhagen zur Welt, wo sie ihn zunächst in eine Pflegefamilie gab. Nicht ohne sehr darunter zu leiden. »Lindgren hat sich immer sehr intensiv für das Wohl von Kindern, Gewaltlosigkeit und Tierschutz eingesetzt«, berichtete Kaiser. Das sei damals nicht üblich gewesen. »Astrid Lindgren ist mehr als eine Feministin.«
Im kleinen Lasse aus »Mio« verarbeitete Lindgren die Geschichte ihres verlassenen Sohnes. Als Gegenbild entwarf sie mit Ole, Britta und Inga die »Kinder von Bullerbü« in ihrer heilen Welt mit Spaß und Spiel. Liske brachte mit seinem lebendig vorgetragenen Lese-Ausschnitt das Publikum zu Lachen.
Später heiratete die Autorin Sture Lindgren, 1934 kam Tochter Karin zur Welt. Als diese schwer erkrankte, erfand Lindgren für sie »Pippi Langstrumpf, das stärkste Mädchen der Welt«. Ihrer Tochter (heute 87) sagte sie, auch sie sei stark und werde die Krankheit überleben. Pippi sei aber auch die passende Figur für das kriegszerstörte Deutschland. Astrid Lindgren arbeitete ab 1940 in der Briefzensur des schwedischen Nachrichtendienstes und bekam so die Nöte der Soldaten hautnah mit.
Als letzten Abschnitt las Kaiser eine Szene, in der Astrid mit ihrer Freundin Elsa Mitte der 1970er-Jahre Rückschau auf ihr Leben hält. Unversehens wird sie zu »Ronja Räubertochter«, die Seniorinnen albern herum und werden wieder zu Kindern. »Astrid Lindgren war eine ungewöhnliche Frau«, sagte Kaiser. »In einer Zeit, in der von Frauen die Rolle als Hausfrau und Mutter erwartet wurde, war der Drang zum Bücherschreiben bei ihr einfach immer stärker.« (GEA)

