ROSTOCK. Anderthalb Jahrzehnte nach ihrer ersten Platte ist die einst vom Verfassungsschutz beobachtete Band Feine Sahne Fischfilet aus Vorpommern nicht nur politisch, sondern auch musikalisch in die Mitte gerückt. Radikaler Punk war einmal, heute setzen Sänger Jan »Monchi« Gorkow und Kollegen eher auf massenverträglichen Rock mit druckvollem Trompetensound. Auf dem neuen Album »Wir kommen in Frieden« plädieren sie sogar ansatzweise für den Dialog mit Rechten. Wir unterhielten uns mit Monchi (37).
GEA: Monchi, in den sozialen Medien haben Sie gepostet, zum ersten Mal 28 Kilometer am Stück gewandert zu sein. Wie fit sind Sie?
Monchi: Es ist ein Auf und Ab. In den letzten vier Jahren habe ich 130 Kilo ab und 100 Kilo zugenommen. Im Moment bin ich in einer guten Phase. Ich laufe, wandere, schwimme und merke, dass ich auf der Bühne einfach mehr Luft habe.
Im Jugenderinnerungssong »15 Jahre« hängen Sie mit Freunden am See ab, und plötzlich suchen Sie Ihre Zähne im feuchten Sand. Warum liegen die da?
Monchi: Weil sie mir von Dorf-Faschos rausgeschlagen wurden. Dieses Erlebnis war das erste von dreien in meinem Leben, wo ich dachte, jetzt muss ich sterben. Mit kaputt geschlagener Fresse und ohne Vorderzähne ging ich nach Hause und sagte zu meiner Mutter, die Zahnärztin ist und an dem Tag Geburtstag feierte: »Du, die Party ist vorbei.« Ich konnte kaum noch sprechen. Sie hat ihre Freundinnen nach Hause geschickt und ist mit mir in die Praxis gefahren, um mich zusammenzuflicken. Danach konnte ich wochenlang nur Suppe trinken.
Welche waren die anderen Male, als Sie dachten zu sterben?
Monchi: Das war zum einen im türkischen Suruç, an der Grenze zu Syrien, wo wir mit mehreren Lkws Hilfslieferungen hingebracht hatten und plötzlich zwischen 31 Leichen standen, weil ein IS-Terrorist sich selbst in die Luft gesprengt hatte. Es hieß, es sei noch einer mit einer Bombe unterwegs. Das dritte Mal war auch in Vorpommern. Es gab eine Schlägerei, und auf einmal standen zehn Leute um mich herum. Das war sehr brenzlig, ich dachte, die machen mich wirklich platt.
Vermissen Sie heute diesen wilden, ungestümen Teenager, der Sie einst waren?
Monchi: Ich habe mich auch mit fünfzehn nicht immer unverwundbar gefühlt. So eine Angst, es könnte jeden Moment knallen, zieht sich bis heute durch mein Leben. Die Gewalt war, auch wenn wir auf dem Dorf großgeworden sind, omnipräsent. Ich denke aber nicht, oh, was war meine Jugend schrecklich, sondern ich denke eher an die geilen Abende. An die Abende, wo man halt total eskaliert ist.
Ihre Teenagerzeit ist etwa zwanzig Jahre her. Wie erleben das die Jugendlichen von heute?
Monchi: Ich denke, dass es heute nicht mehr so brutal zugeht. Ich war zehn, meine Freunde waren ein paar Jahre älter, wir sind rumgezogen, ich habe wie selbstverständlich einen Baseballschläger in die Hand gedrückt gekriegt, um die Nachbarsjungen anzugreifen. Das fanden wir irgendwie normal. Und ungefähr jeder zweite von uns hatte ein Luftgewehr. In der Breite erlebt die Jugend das heute nicht mehr so krass. Die Gesellschaft hat sich dahin gehend entwickelt, dass Gewalt schneller verurteilt wird.
»Grüße ins Neandertal« ist ein fröhlicher Abgehsong, in dem Sie sich über die Rechten lustig machen. Ist Humor ein neuer Umgang mit diesen Leuten?
Monchi: Wir wollten nicht so eine Rumheul-Nummer, sondern ein selbstbewusstes Lied, das diese Nazi-Jammerlappen lächerlich macht. Dort, wo ich wohne, haben 54 Prozent die AfD gewählt. Wenn du so ein Lied raushaust und vor die Tür gehst, dann fühlt sich das ganz anders an, als wenn du in einem alternativen Viertel wie Berlin-Kreuzberg lebst. Das Stück ist ein Affront gegen viele Leute, denen man im Alltag begegnet. Man ist ja fast schon erleichtert, wenn die neuen Nachbarn im Garten nur die Deutschlandfahne hissen und nicht die Reichskriegsflagge. Wir haben gemerkt, dass es uns guttut, diesen Umtrieben auch mal mit einem Augenzwinkern zu begegnen.
Sie kämpfen seit 20 Jahren gegen rechts. Denkt man, es war alles umsonst, wenn im eigenen Dorf die AfD plötzlich die Mehrheit hat?
Monchi: Nein. Es war ganz bestimmt nicht umsonst, was wir gemacht haben. Viel mehr hätten wir nicht tun können, aber ich sehe heute manches selbstkritisch. Wir haben uns verabschiedet vom Schwarz-Weiß-Denken und davon, die Leute immer gleich zu verurteilen. Für viele Linke ist jeder gleich ein Nazi, der eine andere Meinung hat. Aber wenn alle Nazis sind, ist halt keiner mehr Nazi. Mit einigen dieser Leute kann man reden, ins Gespräch kommen. Nur mit den Überzeugungsarschlöchern nicht, und da ziehen wir auch eine klare Grenze.
Im Song »Awarenesskonzept« geht es um die moralische Überlegenheit, die vor allem von linken Stadtmenschen gern vor sich hergetragen wird.
Monchi: Ich denke bei diesen Leuten, die ständig den erhobenen Zeigefinger präsentieren: Kommt doch mal zu uns aufs Dorf. Hier sitzt du halt auch mal mit Rechten zusammen im Biergarten, und wenn du das nicht aushältst, musst du zuhause bleiben. Wir werden als Band hoffentlich weiter punktuell wirken, etwa mit unserem jährlichen Festival »Wasted in Jarmen«, wo wir ganz viele Leute von vor Ort einbinden und zum Beispiel gemeinsamen Frühsport anbieten. Aber massenhaft politische Einstellungen zu verändern, das ist aus meiner Sicht völlig utopisch.
Was halten Sie von der sogenannten Wokeness, die vor allem in linken Kreisen gepflegt wird?
Monchi: Manche dieser woken Diskussionen sind wichtig, aber manche sind auch übertrieben und für die Faschos geradezu Weihnachts- und Ostergeschenk auf einmal. Ich halte überhaupt nichts von dieser Moralapostelscheiße. Auch wir sind nicht ohne Sünde und waren hier und da Idioten.
»Manchmal finde ich dich scheiße« ist ein stadiontaugliches Duett mit dem Rapper Finch, der sich früher mit Vorwürfen des Sexismus konfrontiert sah. Eine Provokation?
Monchi: Nein, wir mögen Finch. Er hat Fehler gemacht, aber er ist kein Überzeugungsarschloch. Von mir aus können ruhig ein paar Leute meckern, schließlich gilt die Meinungsfreiheit. Aber wir stehen hinter der Nummer und der Zusammenarbeit.
Früher hättet ihr das aber nicht gemacht, oder?
Monchi: Nein, da waren wir selbst noch stärker in diesem Schwarz-Weiß-Ding drin. Aber davon haben wir uns befreit. Ich bin mir ganz sicher, dass sehr viele Leute diesen Song feiern werden. (GEA)
Album: »Wir kommen in Frieden« (Warner Music)
Live: 8. Dezember, Porsche-Arena Stuttgart

