»Warum wir?« heißt der bei Klöpfer & Meyer erschienene Roman, den Carsten Otte am Mittwoch bei Osiander vorstellte, vor einem kleinen, mehrheitlich weiblichen Publikum. Otte las den Beginn des Buchs, eine harmlose Szene am Badesee, eine harmlose Begegnung mit einem kleinen Jungen, und doch ist da ein beunruhigender Unterton. Freundin Nina taucht auf, schwanger, beiläufig kommt die Rede auf einen Termin beim Pränatal-Diagnostiker. Otte liest schnell, klar, flüssig, man merkt, dass er Rundfunkjournalist ist, beim Sender SWR2. Sein schneller Redefluss mischt etwas Atemloses in die alltäglichen Szenen, verstärkt das Beunruhigende.
Schnitt, Blende in die Praxis. Schon im Vorgespräch mit dem nicht unsympathischen Mediziner bahnt sich das Dilemma an: Will man Gewissheit? Wie geht man mit ihr um? »Ich wollte keine Anklage gegen die Pränatal-Diagnostik schreiben«, stellt Otte in der Diskussion klar. Er spricht eloquent, wortreich, aber stringent in der Sache, oft argumentiert er mit Philosophie, die er studiert hat.
Ringen um den richtigen Weg
Autobiografisch sei das Buch nicht, versichert er. »Ich habe eine gesunde, fröhliche Tochter.« Die Überlegung, dass es auch anders sein könnte, sei ein Auslöser gewesen. Gefragt, was seine eigene Position zur Pränataldiagnostik sei, legt er sich nicht fest. Es sei die Herausforderung für die Eltern, die für sie richtige Entscheidung zu treffen. »Man kann da von außen nichts empfehlen«, so Otte. Er habe mit vielen betroffenen Eltern gesprochen, alle seien hin- und hergerissen gewesen. Er bewundere es, wenn man aus einer christlichen Perspektive eine klare Haltung zu dem Thema habe, »aber ich habe diese Perspektive nicht«.Empört hat ihn Büchnerpreisträgerin Sybille Lewitscharoff, die Retortenbabys in einer Rede als »Halbwesen« bezeichnete. »Was können denn die Kinder dafür?« Empört hat ihn auch jenes Urteil des Bundesgerichtshofs, in dem ein Arzt zu Schadenersatz verpflichtet wurde, weil er die Behinderung eines Embryos nicht erkannt hatte. »Da wird das Kind zum Schadensfall, das kann nicht sein!«
Letztlich sei sein Buch eine Liebesgeschichte, erklärt Otte, über eine Familie, die mit einer Extremsituation konfrontiert wird. Und ja, »auch wenn es provokativ klingt, das Buch soll unterhalten«. Schon deshalb, weil es nur dann den Leser in die Problematik hineinziehe. (akr)
