STUTTGART. Die Fantastischen Vier sind eine Stuttgarter Institution. Am Freitag und Samstag füllten sie zweimal in Folge die Schleyerhalle mit jeweils 13.500 Menschen. Insgesamt gastierten die Hip-Hopper dort zum 22. Mal, aber zum ersten Mal seit ihrer Ankündigung, nach dem Ende einer zweijährigen finalen Tour 2028 ihre Karriere zu beenden. Auch Timo Hildebrand, ehemaliger VfB-Meistertorwart, der 2007 mit Fanta 4 auf dem Schlossplatz die Meisterschale gefeiert hatte, war nach dem Spiel seiner beiden Ex-Vereine VfB und Hoffenheim vom benachbarten Stadion zum Konzert gekommen.
Ungewöhnlich für ein Konzert dieser Größenordnung: Die Fantas verzichteten auf eine Vorgruppe. Stattdessen gab es Karaoke. Leicht angetrunkene Cliquen von Amateursängern mit mäßigem Stimmumfang schmetterten »Ich liebe das Leben« von Vicky Leandros und »All I Want For Christmas Is You« von Mariah Carey.
Sofa in der Schneekugel
Nachdem der Vorhang mit dem Motto »Alle Jahre wieder Die da« gefallen war, erschienen Michi Beck, Smudo (Michael Bernd Schmidt), Thomas D. (Thomas Dürr) und And.Ypsilon (Andreas Rieke) auf einem Sofa in einer Art Plastik-Schneekugel sitzend, und von der Hallendecke rieselte Schnee in Form von Konfetti. Passend dazu starteten sie mit dem Lied »Frohes Fest« aus dem Jahr 1991.
Auf der Live-Bühne sind die Fantastischen Vier eigentlich die Fantastischen Neun, denn mit den vier Hip-Hopper stehen Florian Dauner - der Sohn des 2020 verstorbenen Jazzmusiker Wolfgang Dauner, Perkussionist Roland Peil, Keyboarder Lillo Scrimaldi, der in den Studiobands der TV-Shows »Deutschland sucht den Superstar«, »Let's Dance« und »Voice of Germany« spielte, Gitarrist Markus Birkle und Bassist Dominik Krämer. Krämer spielte auch bei den Heavytones, der Studioband von Stefan Raabs »TV Total«. Diese Musiker sorgen meist nur für die Rhythmen im Hintergrund und einzelne Akzente wie ein jazzig-sphärisches Klaviersolo Scrimaldis bei »Tag am Meer«.
Die großen Hits
Musikalisch gab es eine Mischung aus Titeln vom 2024 erschienenen Album »Long Player«, darunter »Wie weit« und »Weekendfeeling«, und den großen Hits. Das meistverkaufte Album der Band ist immer noch das Durchbruchalbum »4 gewinnt« aus dem Jahr 1992 mit dem Hit »Die Da!?!«. Thomas D. schilderte die Geschichte des Lieds und der Band in seiner Ansage so: Smudo und And.Ypsilon haben im tiefsten Keller Musik gemacht. »Und dann kamen ich und Michi Beck und haben sie mit diesem Song aus dem dunkelsten Keller ins Licht der großen Bühne geholt.«
In Stuttgart können sich die Fantas auf eine »troye« Fangemeinde verlassen. Schnell springt der Funke über, die Arme werden hin und her bewegt, die Texte von Klassikern wie »MfG« »Was geht« mitgerappt. Genretypisch, aber für ein Konzert dieser Größenordnung irgendwie auch enttäuschend sind die vom Band eingespielten Samples bei »Wie weit« - im Studio von der Band MiA.; oder bei »Zusammen« - im Studio von Clueso. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Die Mischung aus frechen, lustigen und nachdenklichen Texten hebt die Band immer noch von den meisten zeitgenössischen Deutschrappern ab. Eine Anbiederung an den proletarischen Macho-Habitus dieses momentan extrem erfolgreichen Genres haben die Fantas nie versucht. Pubertäre Texte wie »Saft« waren nicht mehr auf der Setliste.
Stattdessen präsentieren sich die Endfünfziger mit Blick auf das absehbare Karriereende gereift, philosophieren über den Tod und darüber, »Was bleibt«. Auf der Bühne sprechen sie sich für die Initiative »Laut gegen rechts« und die »Omas gegen rechts« aus. Die Arroganz, alte Hits auszulassen, haben sie jedoch nicht. Und so wird es dann am Ende auch vor allem ein nostalgischer Abend, in dem bei vielen Fans aus der entsprechenden Altersgruppe das unbeschwerte Lebensgefühl der 1990er- und 2000er-Jahre konserviert wird und wieder auflebt - in dem die Gesellschaft im Rückblick weniger gespalten und krisengeplagt war.
Körperlich und stimmlich haben die vier Hip-Hopper auf der Bühne nichts von ihrer Agilität verloren. Die Entscheidung, aufzuhören, trafen sie offensichtlich auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft und nicht aufgrund körperlicher Verfallserscheinungen. Doch vielleicht überlegen sie es sich auch nochmal. Die Stuttgarter würden es ihnen danken. Denn im Kessel ist weit und breit niemand in Sicht, der auf diesem Niveau die Nachfolge antreten könnte, falls der VfB doch mal wieder Deutscher Meister wird. (GEA)


