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Familiendrama von antiker Wucht

Die neue Intendanz am Schauspiel Stuttgart eröffnet mit »Vögel« von Wajdi Mouawad

Von links: Itay Tiran (David), Silke Bodenbender (Norah), Martin Bruchmann (Eitan) im von Burkhard C. Kosminski inszenierten Stü
Von links: Itay Tiran (David), Silke Bodenbender (Norah), Martin Bruchmann (Eitan) im von Burkhard C. Kosminski inszenierten Stück »Vögel«. FOTO: MATTHIAS HORN/THEATER
Von links: Itay Tiran (David), Silke Bodenbender (Norah), Martin Bruchmann (Eitan) im von Burkhard C. Kosminski inszenierten Stück »Vögel«. FOTO: MATTHIAS HORN/THEATER

STUTTGART. So schnell geht das. Eben hat die Leitung am Schauspiel Stuttgart gewechselt, auf einmal ist alles anders. Wie weggeblasen die Bühnenexperimente eines Armin Petras, die wackeligen Handkameras, die flackernden Videobilder, die verrätselten Textcollagen. In »Vögel« des Libanesen Wajdi Mouawad in der Regie des neuen Intendanten Burkhard C. Kosminski sitzen wir vor einer leeren weißen Bühne, tritt uns eine ganz klare Geschichte entgegen. Theater in seiner elementarsten Form. Ein Geschehen, wie es sich jeden Tag abspielen könnte. Plötzlich schauen wir nicht mehr auf ein obskures Performance-Geflecht, sondern auf die Realität. Fast ist es ein Schock, das war man so nicht mehr gewöhnt.

Es geht um den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Aber hier ist jeder an Bord. Denn es geht um das Freund-Feind-Denken generell, diese Schablonen von »Wir hier« und »Die da«, die sich immer mehr breit machen von Donald Trump bis AfD. Und darum, wie dieses Denken uns von innen auffrisst und die Möglichkeit zur menschlichen Begegnung erstickt. »Vögel« heißt es, weil Vögel, egal auf welche Seite der Mauer sie fliegen, immer nur sie selbst bleiben.

Lebenslüge der Vorfahren

Der Einzige, der das in Mouawads Stück versucht, ist der jüdische Deutsche Eitan. Als junger Biogenetiker lernt er in der Unibibliothek in New York die Geschichtsstudentin Wahida kennen. Dass er Jude ist, sie palästinensischer Herkunft, sollte keine Problem sein im Land der großen Freiheit, in der Aufgeklärtheit europäischen Denkens. Doch die Ressentiments und gefühlten Verpflichtungen aus der (Holocaust-) Vergangenheit ziehen sich in der Familie zusammen. Beim Pessach-Fest kommt es zum Bruch.

Das Zerwürfnis spült ein streng gehütetes Familiengeheimnis hoch. Gemeinsam mit Wahida macht Eitan sich auf zu seiner Großmutter nach Israel. Die Aufdeckung der Lebenslüge seiner Vorfahren soll die Mauern einreißen. Stattdessen entdeckt Wahida nun ihrerseits ihre palästinensischen Wurzeln.

Da explodiert eine Bombe. Ein Attentat. Eitan liegt im Koma. Die Familie eilt herbei. Doch die Gräben sind nicht beseitigt. Muss die Wahrheit ans Licht? Oder ist sie der noch verheerendere Sprengsatz?

Reduzierte Videoelemente rahmen in Kosminskis Inszenierung die Geschichte am Anfang und Ende: arabische Schriftzeichen, die sich über die Leinwand ziehen. Ansonsten leere Räume vor weißen Bahnen, die von der Decke hängen – wie weißes Papier, das man mit einem Neuanfang beschreiben könnte (Bühne: Florian Etti). Nichts lenkt ab von der Geschichte. Der leise Klangteppich einer live gespielten Oud, einer arabischen Laute (Musik: Hans Platzgumer) steigert mit seiner Sanftheit noch die Gewalt der Konflikte. Dass alle in ihrer Muttersprache reden – Deutsch, Englisch, Arabisch, Hebräisch, die Übersetzung wird eingeblendet – wirkt völlig konsequent: Alle sind sie hier auch sprachlich gefangen in den Mauern ihrer Sichtweisen.

Fenster zur Utopie

Alles hängt dabei von der Glaubwürdigkeit der Darsteller ab – und die ist erschütternd. Martin Bruchmann kämpft als Eitan mit bewegender Geradlinigkeit um eine Welt, in der Liebe und Verständigung möglich sind. Amina Merai lässt einen als Wahida geradezu körperlich spüren, wie ihr westliches Selbstbild zerfällt. Enorme Wucht gibt der israelische Schauspielstar Itay Tiran der Figur von Eitans Vater David, der glaubt, als Verpflichtung aus dem Holocaust den Fortbestand des Judentums persönlich sichern zu müssen. Großartig gibt Silke Bodenbender Eitans Mutter Norah als verpeilte Psychotherapeutin, für die ihr Judentum Aufstand gegen die Eltern bedeutet.

Herrlich cool-zickig ist Evgenia Dodina als Eitans Großmutter Leah, die aus Selbstschutz zur Zynikerin geworden ist. Dov Glickman macht aus ihrem Ex-Mann, Eitans Großvater Etgar, einen Menschenfreund hinter dessen Fassade sich tiefe Verzweiflung verbirgt.

Vor allem Evgenia Dodina und Silke Bodenbender bringen auch komische Momente hinein. Das Stück verbindet ausweglose Tragik mit herrlich prägnanten Charakterstudien. Und das mit einer ungeheuer präzisen Sprache, bezwingender Lust am Erzählen und großer Poesie. Dass als Sehnsuchtsfigur immer wieder der christlich-muslimische Weltenwechsler Al-Hasan Al-Wazzan (Ali Jabor) aus dem 15. Jahrhundert in den Blick gerät, nimmt dem Stück nicht die Schonungslosigkeit; aber Mouawad hält damit trotzig das Fenster zu einer Utopie offen.

Keine Frage: »Vögel« hat das Zeug zum Klassiker. Wenn das Schauspiel Stuttgart unter der neuen Intendanz auch weiterhin die Probleme der Zeit mit so elementarer Wucht auf die Bühne bringt, stehen Theaterfreunden spannende Zeiten bevor. (GEA)