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»Es muss dich einfach umhauen«: Tübinger Poetik-Dozentur mit Peter Wawerzinek

Was Peter Wawerzinek bei der Kafka-Lektüre gelernt hat, verriet der Schriftsteller in seiner Tübinger Poetik-Dozentur-Rede.

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek sprach in der Tübinger Alten Aula.
Der Schriftsteller Peter Wawerzinek sprach in der Tübinger Alten Aula. Foto: Christoph B. Ströhle
Der Schriftsteller Peter Wawerzinek sprach in der Tübinger Alten Aula.
Foto: Christoph B. Ströhle

TÜBINGEN. Was muss das für ein kraftvolles und sensibles Schreiben sein? Wenn Peter Wawerzinek in seiner Tübinger Poetik-Dozentur-Rede von seiner Verbundenheit mit den Wörtern erzählt, dann tut er das sehr konkret und doch voller Bilder, die ganze Erlebnishorizonte öffnen. Der 1954 in Rostock geborene Schriftsteller sagt, er schaue mitunter viel zu lange zum Fenster hinaus in die Landschaft. »Das Meer ist blau - aber die Tinte auch. Ich hätte Seemann werden sollen. So aber fuhr ich auf Schiffen aus Papier aufs Schreibmeer hinaus, in Booten, aus Buchseiten gefaltet.«

In der Tübinger Alten Aula spricht er immer wieder davon, wie er zum Schreiben kam, dass der Umstand, dass er 2010 für seinen damals noch unveröffentlichten Roman »Rabenliebe« den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen bekam, aus seiner Sicht auf einem Missverständnis seitens der Jury beruhte. Wawerzinek arbeitete in dem Buch seine Kindheit in einem Waisenhaus in der DDR auf, nachdem seine Eltern aus dem Land geflohen waren.

Einkehr und Isolation

Jede Art von Trubel um seine Person ist ihm suspekt. »Die Aufmerksamkeit sollte meinem Buch, nicht mir gelten«, sagt er. Abstand brauche er fürs Schreiben, Einkehr und Isolation. Wer schreibe, habe sich in eine Sache einzuspinnen, ein Netz aus Worten um sich herum zu flechten. »Um die reale Welt beschreiben zu können, braucht es eine Hülle, einen Schutzraum.«

Wawerzinek trat in den 1980er-Jahren als Performance-Künstler und Stegreif-Poet in Erscheinung, dann unter anderem mit Parodien zur DDR-Literatur (»Es war einmal …«, 1990) und Hörspielen. Dass Verlage nicht immer gleich zusagten, sei normal. »Mutig sein, Absagen sammeln!«, riet er dem schreibenden Nachwuchs. »Ab 36 Absagen ist ein Buch nichts wert.«

Autofiktionaler Roman

Zuletzt erschien von ihm das Buch »Rom sehen und nicht sterben«, das in diesem Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Darin thematisiert Wawerzinek unter anderem seine Krebserkrankung. Trotzdem ist das Buch lebensbejahend und optimistisch, wie die Literaturkritik hervorhebt. »Schöpfe aus zwei Quellen. Der Liebe. Dem Wunsch, zu schreiben«, heißt es in dem autofiktionalen Roman.

Wawerzinek ist, wie er sagt, einer, der »umwortet«. Etwa, indem er das Wort »Leben« rückwärts liest, was dann »Nebel« ergibt. Er lässt Wörter nisten in sich, bis sie flügge werden. Mitunter bläst er Wörter auf, lässt sie platzen. Seine Schreibbude sei in Wirklichkeit »eine Schatzinsel, eine Wortschatzinsel«. Am Schreibtisch bekomme er es mit Worten zu tun, die ein wilder Haufen seien. Es dauere eine Weile, bis sie sich ihm gegenüber »loyal« verhielten.

Zu viel Mitteilung, so Wawerzinek, mindere den Mitteilungsgehalt enorm. Wasserfallartiges Plaudern mache einen Text »nicht wertvoller, sondern nur wortvoller«. Bei der Lektüre von Kafkas Texten habe er gelernt: »Es muss dich einfach umhauen.« (GEA)