BERNAU IM SCHWARZWALD. Es war (fast) wie immer. Die Sonne schien, als zu Beginn der im zweijährigen Turnus stattfindenden Preisverleihung die Trachtenkapelle aufspielte, ehe der Bernauer Bürgermeister die zahlreich erschienenen Gäste begrüßte. Danach einleitende Worte des Stuttgarter Kulturstaatssekretärs in Person von Arne Braun, der auch die Verleihung der Auszeichnung an Nevin Aladag vornahm. Eine Rede der Preisträgerin, eine Laudatio auf sie, zuletzt das Absingen des Badnerlieds im Wechsel mit der Württemberg-Hymne.
Der Hans-Thoma-Preis, 1950 erstmals und vor zwei Jahren zum letzten Mal verliehen, hatte eben auch diese folkloristische Note: Mit engagierter Beteiligung der Bernauer Bürgerschaft, mit Musikkapellen, Chören und Trachtenvereinen war die Preisverleihung in den letzten Jahrzehnten regelrecht zum Volksfest geworden, alle zwei Jahre am zweiten Wochenende im August. Doch diesmal waren, zum ungewohnten Termin in der zweiten Julihälfte, nur noch Reste dessen vorhanden: Etliche Vereine hatten abgesagt, andere waren ausgestiegen.
Umstrittene Namensänderung
Der Grund: Infolge schwerwiegender Vorwürfe gegen den Namensgeber, gewissermaßen »ihren« Künstler, den in Bernau geborenen Hans Thoma (1839–1924), war der Preis umbenannt worden. Thoma war durch den letzten Preisträger Marcel van Eeden in die Nähe zu völkischen Kreisen gerückt und des Antisemitismus verdächtigt worden. Die Vorwürfe sind bislang nicht belegt, doch das Stuttgarter Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur zog die Reißleine. Den Preis benannte es um in »Landespreis für Kunst«, auch der Termin der Preisverleihung wurde verlegt.
Nevin Aladag, die Preisträgerin, musste das alles nicht kümmern. Die Künstlerin zeigte sich »überwältigt und überglücklich« über den Preis. Die 53-jährige Bildhauerin, Performance- und Klangkünstlerin ist in der Türkei geboren und in Stuttgart aufgewachsen. In München hatte sie bei Olaf Metzel studiert; seit 2019 ist sie Professorin für interdisziplinäres künstlerisches Arbeiten an der Dresdener Hochschule für Bildende Kunst. Davor war sie durch Ausstellungen in der Schweiz und der Türkei, in England und Österreich international bekannt geworden. 2019 widmete ihr das San Francisco Museum of Modern Art eine Einzelausstellung
Tradition, Herkunft, Zugehörigkeit
Themen ihrer Plastiken, Performances und Videos sind Tradition und Herkunft, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Zugehörigkeit und Identität – wobei es ihr erklärtes Ziel ist, nicht nur »unterschiedliche Einflüsse in mein Werk einfließen zu lassen«, wie sie in Bernau sagte, sondern auch Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften zwischen dem je und je Verschiedenen aufzuzeigen. Die neben dem Preisgeld von 25.000 Euro mit dem Landespreis verbundene Ausstellung im Hans-Thoma-Kunstmuseum bietet einen Querschnitt ihres Schaffens der letzten beiden Jahrzehnte.
Für »Social Fabric«, vier kreisförmige Collagen auf Holz, fügte Aladag ausgeschnittene Stücke aus Teppichen unterschiedlichster Herkunft, Fertigungsweise und Qualität zu einem runden Ganzen zusammen. Im Wechselspiel der unterschiedlichen Materialien und Muster ergibt sich ein gelingendes Zusammenspiel des Unterschiedenen.
Musik als Identitätsanker
Musik als Ausdrucksträger kultureller Identität ist für Nevin Aladag ein wichtiges Thema. Schon für »Voice over« von 2006 verwendete sie unterschiedlichste Musikinstrumente – wie eine Mundharmonika, auf der sie bei aus dem Fenster eines fahrenden Autos gestrecktem Arm die Luftströme spielen lässt. Oder auch Trommeln, die von Regentropfen zum Leben erweckt werden. Das Video enthält auch melancholische Melodien alter türkischer Volkslieder, vorgetragen von Jugendlichen in einem nächtlichen Park.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung »Crossing Traces« mit Arbeiten der Landeskunstpreisträgerin Nevin Aladag ist im Hans-Thoma-Kunstmuseum in Bernau im Schwarzwald, Rathausstraße 18, bis 5. Oktober zu sehen, jeweils Mittwoch bis Freitag 10.30 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, Samstag 11.30 bis 17 Uhr. (GEA)
Daneben sind Werke wie »Fünf-Steine-Spiel« zu sehen. Freihängende schwarz-weiße Fotodrucke auf Polyester zeigen die Hände der Mutter der Künstlerin beim nicht nur in der Türkei verbreiteten Spiel des Titels. Oder »Multipresent« mit sich überlagernden farbigen Abdrücken von Turnschuhen und Schuhen mit Absätzen – ein Bild des gesellschaftlich miteinander geteilten Raums und Daseins. Auch die Serie »Stiletto« ist zu sehen: kreisrunde Kupferplatten mit Prägungen durch die im Titel genannten Damenschuhe. Auf den Platten hatten sieben junge Frauen zu Musik getanzt. Ein Video zeigt die Entstehung des Werks 2017 bei der Biennale von Venedig.
Im kommenden Jahr erhält Nevin Aladag in Hannover den Kurt-Schwitters-Preis. Mit dem Preisgeld verbunden ist eine Ausstellung im Sprengel Museum der Stadt. (GEA)


