STUTTGART. Die Suche nach neuen Bewegungen, neuen Ausdrucksformen ist seit jeher Programm beim Stuttgarter Ballett. Mit zwei großen, jeweils knapp einstündigen Uraufführungen im Opernhaus endet die Spielzeit in optischem Hochglanz, künstlerisch aber doch enttäuschend. Der eine Choreograf wurde von Dantes »Göttlicher Komödie«, der andere von Rainer Maria Rilkes Lyrik inspiriert – ganz ehrlich: Würde das nicht im Programmheft stehen, man wäre nie drauf gekommen.
Roman Novitzky und David Dawson wählten, wie es Choreografen heute so gerne machen, beide eine dieser belanglosen modernen Kompositionen zwischen Neuromantik, Minimal Music und Filmmusik. Novitzky gab sie beim Amerikaner Henry Vega in Auftrag, dessen Klänge sich zwischenzeitlich um Zitate von Franz Liszt oder Franz Schubert ballen, Dawson lässt zur zweiten Sinfonie des Italieners Ezio Bosso tanzen, bei dem die sirrende Violine über Skalen à la Philip Glass klagt. Beide Partituren, live gespielt unter der Leitung von Mikhail Agrest, fließen angenehm ins Ohr, untermalen aber eher den Tanz, als ihn irgendwie herauszufordern.
Schicke Engel
Vom Himmel übers Fegefeuer zur Hölle geht Novitzkys Stück, also genau den gegenteiligen Weg von Dantes Protagonist. Wer an die berühmten, engelsreichen Illustrationen von Gustave Doré denkt, staunt hier über ein riesiges, pinkfarbenes Oval, das sich im glänzenden Tanzboden spiegelt. Die Pforten zur Hölle sind Leuchtröhren, Novitzkys Reisender trifft schicke Engel in Weiß, Leute von heute und eine Art Illuminati-Sekte in Kapuzenmänteln, bevor er am Schluss einfach in der Menge verschwindet. Einzig die jungenhafte Aufrichtigkeit des Solisten David Moore rettet vor der Gleichförmigkeit der Bewegungen; das Corps de ballet etwa setzt der derzeitige Hauschoreograf viel zu oft nur als Linie ein.
Und ganz ehrlich: Uns diese schicken Bilder als »Hölle« vorzusetzen, während die Realität da draußen immer entsetzlicher wird, damit begibt sich das Ballett direkt in den Elfenbeinturm. Natürlich kann Tanz die Hölle zeigen – Straßenschluchten in rieselnder Asche wie bei Marco Goecke oder die wieder und wieder sterbenden Menschen in den Endzeitbildern von Hofesh Shechter. Selbst die innere Hölle, und um die geht es Novitzky hier eher, erfasste sein Stuttgarter Kollege Alessandro Giaquinto vor einem Jahr in »Ascaresa« weitaus beängstigender. Fehlt Novitzky einfach der Mut zu härteren Bildern, oder will er es bei seinem ersten Ballett auf der großen Bühne allen recht machen?
Endloser Bewegungsfluss
David Dawson fängt es schlauer an, er verkauft uns die Schönheit des Tanzes als Gegenmittel gegen die aktuelle Weltlage. »Under the Trees‘ Voices«, »Unter den Stimmen der Bäume« heißt sein Stück, genau wie die zweite Sinfonie von Ezio Bosso. Der britische Choreograf, einstmals Tänzer in William Forsythes Rebellentruppe, pflegt eine neoklassische Nach-Forsythe-Ästhetik: virtuos und elegant, mit vielen hohen, gewagten Hebungen - aber ohne Reibung, ohne Lyrik, leider auch fast ohne Akzente. Dawson hält selten inne, spielt kaum mit der Dynamik, die Musikalität seines endlosen Bewegungsflusses liegt näher bei einem Metronom als etwa bei den subtilen Rhythmen Rainer Maria Rilkes.
Aufführungsinfo
Weitere Vorstellungen des Tanzabends gibt es am 2., 3., 6., 8., 11., 21., 22. Juli und ab September. (GEA)
Natürlich sind Friedemann Vogel, Jason Reilly und all die anderen Männer im Stuttgarter Ballett superbe Partner, Dawson stellt ihr Können weidlich heraus. Elisa Badenes, Mackenzie Brown, Anna Osadcenko, Matteo Miccini dürfen zeigen, was sie können. Es gibt schöne Momente, wenn sieben Damen vorne an der Rampe ranken oder wenn Dawson neckisch in Balanchine‘sche Symmetrien fällt. Aber dieses Stück zerschlägt nichts, es spielt oder jubelt nicht, sondern es prahlt, als gebrauchsfertige Hochglanzchoreografie für virtuose Tänzer. »In Stuttgart folgt man nicht den Trends, man setzt sie«, mit diesem Slogan warb die Kompanie einst bei ihrem London-Gastspiel 2013. Mit solchen Abenden läuft sie den Trends hinterher. (GEA)

