ROTTENBURG. Es kommt nicht oft vor, dass der Frontmann des Headliners die Vorgruppe ansagt, Sven Regener, Trompeter und Sänger von Element of Crime, sagte zum Support-Duo hackedepicciotto: »Sie kommen wie wir aus der Clubszene Berlins, sind aber dann einen anderen Weg gegangen, einen avantgardistischen.« Wenn man weiß, dass Alexander Hacke Bassist der Einstürzenden Neubauten, Ex-Freund von Christiane F. und Ex-Mann von Meret Becker ist, und Danielle de Picciotto 1989 gemeinsam mit ihrem damaligen Partner Dr. Motte die erste Loveparade mitbegründet hat, dann wird klar, dass Element of Crime hier alte Freunde mitgebracht haben.
In Rottenburg zeigten hackedepicciotto, die hauptsächlich für Filmmusik bekannt sind, außergewöhnliche Instrumentalmusik auf ungewöhnlichen Instrumenten. Danielle de Picciotto wechselte zwischen Hurdy-Gurdy-Drehleier, Autoharp-Zither und Geige, Hacke zwischen Trommel und Gitarre. Die teilweise auch elektronisch unterlegten Konzeptstücke thematisierten die Posaunen von Jericho und Aichach, den Geburtsort des DAF-Musiker Chrislo Haas.
Dann betrat Sven Regener, der auch als Autor von »Herr Lehmann« und Drehbuchautor des gleichnamigen Films bekannt ist, mit seiner Band die Bühne. 39 Jahre gibt es die Gruppe, aus der Urbesetzung ist neben Regener noch Gitarrist Jakob Ilja dabei. Die Gruppe nahm ihre ersten drei Alben auf Englisch auf, mit dem Wechsel auf deutsche Texte war sie ab 1991 erfolgreicher. Regener wechselt zwischen Trompete und Gesang, seine Stimme hat ein bluesiges Kratzen. Das passt, denn Element of Crime kann rockig klingen, jazzig und ein wenig nach Liedermacher, aber die Stimmungslage ist meistens Blues.
»Neulich war ich in Berlin im Biergarten Birgit und Bier, und ich fragte den Kellner, ob das Lokal nach unserem Song benannt ist und ob er ein Fan ist. Er meinte, er nicht, aber seine Eltern.« Als Band habe man es geschafft, wenn man in Berlin gastronomische Spuren hinterlässt. Dann beginnt er das entsprechende Lied mit den Zeilen: »Dass das Bier in meiner Hand alkoholfrei ist / ist Teil einer Demonstration / gegen die Dramatisierung / meiner Lebenssituation.« Von der »Straßenbahn des Grauens« ist es für einen Zyniker auch nicht weit zum »Edeka des Grauens«. Und neben dem alkoholfreien Bier steht zwei Zeilen später ein Whisky. Gute Vorsätze halten der Lebensrealität eben meist nicht lange stand.
Durchwachte Nächte
Meistens geht es bei Element of Crime um durchwachte Nächte in Berlin und Hamburg und um die zynischen Philosophien, die entstehen, wenn Liebeskummer in Alkohol ertränkt wird: »Grausam ist der Haifisch / und grausam warst auch du / Am Ende des Regenbogens / legt der Regen noch einen Zahn zu.« Passenderweise hat das Lied den dramatischen Titel »Am Sonntag nach dem Weltuntergang«.
Manchmal singt der gebürtige Bremer Regener auch über Kleinstädte wie Rottenburg, nur weiter im Norden: »Ich bin jetzt da, wo du nicht bist / Und das ist immer Delmenhorst / Es ist schön, wenn's nicht mehr weh tut / Und wo zu sein, wo du nie warst.« Delmenhorst ist irgendwie auch Rottenburg. Nur hört man weniger Schwäbisch.
Erdbeereis für mehr Fairness
Während Bob Dylan in »Blowin' in the Wind« fragt, wie viele Straßen ein Mann laufen muss, bevor er sich einen Mann nennen darf, fragt Regener in seinen Songs, wie viele Erdbeereise der Mensch noch essen muss, bevor er die böse Tat des Beinestellens unterlässt.
Jede dieser Textzeilen konnte eine Zuhörerin mitsingen, die aus Ahaus im Münsterland angereist war. Sechs Stunden im überhitzten Auto und am Tag nach dem Konzert noch Tübingen anschauen, damit sich die Reise in den Süden auch gelohnt hat, und am Sonntag wieder zurück. Zwei andere Besucherinnen sind mit dem E-Bike aus Gomaringen nach Rottenburg gekommen. Da ist es gut, dass man Konzerte vor dem Bischofspalais um 22.30 Uhr beenden muss. Die Frau aus Nordrhein-Westfalen sucht anschließend vergeblich nach einem Club, um den angebrochenen Abend ausklingen zu lassen. Rottenburg ist halt eher Delmenhorst als Berlin. (GEA)


