AMSTERDAM/STUTTGART. Nicht jeder große Künstler und ganz gewiss nur wenige Choreografen bekommen einen Nachruf ihres Königshauses, und dazu noch einen so klugen: »Nicht im Übermaß, sondern in der Beherrschung zeigt sich der Meister«, ließ König Willem-Alexander zum Tod seines Landsmanns Hans van Manen verlauten. In Amsterdam starb der Tanzschöpfer im hohen Alter von 93 Jahren und dennoch überraschend, stand er doch kurz zuvor noch beim Niederländischen Nationalballett im Studio. Im Mai dieses Jahres wurde er bei der Premiere von »Fünf für Hans« beim Stuttgarter Ballett bejubelt, empfing einen Preis für sein Lebenswerk und genoss die Ehrung mit dem lächelnd-ironischen Humor, der jeden Auftritt des eleganten Meisters prägte.
Stuttgart war tatsächlich eine wichtige Station des Holländers, dessen erstes Werk vor 70 Jahren entstand. Er prägte das moderne europäische Ballett durch seinen Minimalismus, seine Frechheit und seine Konsistenz. Van Manen arbeitete abwechselnd beim Nederlands Dans Theater und beim Niederländischen Nationalballett, aber auch Deutschland entdeckte ihn schon früh – zu Marcia Haydées Direktionszeit hatte das Stuttgarter Ballett über 20 Van-Manen-Stücke im Repertoire, bis heute kehren sie immer wieder.
Trockene Pointe statt Pathos
»Ich mache keine Experimente, ich mache Ballette«, lautete sein Diktum. Aber bei all den strengen, klaren Linien war van Manen immer ein Revoluzzer und Herausforderer – bereits in den 1960ern schuf er gleichgeschlechtliche Pas de deux, zeigte nackte Tänzer, selbstbewusste Frauen auf High Heels. Er ließ eine Ballerina mit der Live-Kamera tanzen, choreografierte zu Tango-Musik. Hans van Manen hatte ständig neue Ideen, viele von ihnen veränderten das Genre grundlegend. Er stellte Konventionen in Frage: in Bewegung, nicht in Worten. Und führte uns, nachdem seine Nachfolger das Ballett mehrfach dekonstruiert hatten, doch immer wieder den Maßstab vor Augen: Klarheit, Strenge, Reduktion, die perfekte Einheit von Form und Inhalt. Seine Duos zeigen keine strahlenden Happy Ends, sondern Konflikte, die Arbeit an der Beziehung und an der Liebe, sie zeigen Menschen mit all ihren Aggressionen, ihren Zweifeln und Sorgen. Sie enden oft mit einer trockenen Pointe statt im Pathos, er hasste Rüschen und Pomp.
Keines seiner über 150 Werke dauert länger als eine halbe Stunde, statt der großen Werke der Ballettmusik suchte er Neues, Abseitiges, Kammermusik, choreografierte zu Jazz und Punk. In den 1970er-Jahren liebte er Beethoven, daraus entstanden Klassiker wie »Adagio Hammerklavier« oder die »Große Fuge«. Kaum eines seiner Ballette hatte je ein Bühnenbild, seine Kostümbildner perfektionierten die Kunst des Ganzkörpertrikots in jeder Variation. In seinen feinsinnigen Kammerspielen reduzierte er den Tanz bis aufs Wesentliche, die Essenz. Und huldigte bei aller Avantgarde ein Leben lang der Schönheit des tanzenden Körpers. (GEA)

