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Eine Glatze für »Schlafes Bruder«: Besuch am Drehort im Montafon

Vor 30 Jahren wurde im Montafon Filmgeschichte geschrieben. »Schlafes Bruder« wurde sogar für den Golden Globe nominiert. Schauspieler und Einheimische erinnern sich an die intensiven und außergewöhnlichen Drehtage mit Starregisseur Joseph Vilsmaier zurück.

Architekt Ernst Pfeifer steht im Garneratal an der Stelle, wo er ein Dorf für »Schlafes Bruder« bauen ließ.
Architekt Ernst Pfeifer steht im Garneratal an der Stelle, wo er ein Dorf für »Schlafes Bruder« bauen ließ. Foto: Frank Schwaibold
Architekt Ernst Pfeifer steht im Garneratal an der Stelle, wo er ein Dorf für »Schlafes Bruder« bauen ließ.
Foto: Frank Schwaibold

GASCHURN. Es ist ein Film wie eine Urgewalt. Tief verwurzelt im Montafon entstand 1995 ein Werk, das Menschen weltweit bewegt hat – intensiv, tiefgreifend und auch brutal. »Schlafes Bruder«, basierend auf dem gleichnamigen Roman des Autors Robert Schneider, wurde in der Regie von Joseph Vilsmaier zum preisgekrönten Kinoereignis.

30 Jahre nach der Welturaufführung vor 6.500 Zuschauern kehrt mit André Eisermann einer der Hauptdarsteller zurück an den Drehort in Gaschurn. Eisermann spielte den Elias, einen hochbegabten jungen Musiker, der am Ende an einer unglücklichen Liebe zerbricht. Der heute 58-Jährige atmet tief ein, dann bricht es aus ihm heraus. »Dieser Geruch! Diese Wiesen! Diese Berge! Es riecht genau wie damals, als ob man in einem Blumentopf oder in der Erde selbst wäre.«

Eigens ein Dorf gebaut

Im Garneratal haben sie damals auf 1.500 Höhenmetern eigens ein Dorf gebaut, das im Verlauf des Films abbrennt. Alle Akteure, ob Schauspieler, Filmcrew, einheimische Handwerker oder Komparsen, standen knöcheltief im Matsch oder im zehn Grad kalten Gebirgsbach. Es regnete, und in den ersten eisigen Wintermonaten wurde bei Schneegestöber gedreht. Mit Laster haben sie das Holz zum Bau der Häuser und einer Kirche auf den Berg gebracht. 600 Höhenmeter mussten beim Transport auf einem schmalen und holprigen Weg überwunden werden. Die Schauspieler wurden mit einem alten VW-Bully hinaufchauffiert.

André Eisermann spielte vor 30 Jahren die Hauptrolle in »Schlafes Bruder«.
André Eisermann spielte vor 30 Jahren die Hauptrolle in »Schlafes Bruder«. Foto: Frank Schwaibold
André Eisermann spielte vor 30 Jahren die Hauptrolle in »Schlafes Bruder«.
Foto: Frank Schwaibold

Eisermann ist damals 28 Jahre jung. »Dieser Film hat mir sehr viel abverlangt«, sagt er. Morgens um vier Uhr musste er aufstehen und in die Maske. »Schlafes Bruder« war mit 16 Millionen D-Mark eine der bis dato teuersten Filmproduktionen in Deutschland. Eisermann: »Wenn du mitverantwortlich bist, dass es gelingt, belastet das einen.« Auch Vilsmaier hat ihn geprägt. »Jede Naturkatastrophe im Garneratal – ob Lawine, Schlamm oder Erdrutsch – ist nichts gegen den Joseph und seine Naturgewalt.« Eisermann rieb sich an dem bayerischen Kameramann. »Für einen so sensiblen Menschen wie mich war das nicht leicht damals«. Einmal drohte der Regisseur sogar, ihn auszutauschen, »wenn du es morgen nicht bringst«. Das trieb Eisermann zu Höchstleistungen, und er saß bis tief in der Nacht in der kleinen Kirche des Nachbarorts Gortipohl, um das Orgelspiel zu üben.

Respekt vor Vilsmaier

Tiefen Respekt vor dem 2020 verstorbenen Vilsmaier hat auch der legendäre Alt-Bürgermeister Heinrich Sandrell. Nur an Originalschauplätzen zu drehen, sei außergewöhnlich. Und die Zusammenarbeit mit Statisten aus dem Montafon »schaffte eine ganz besondere Atmosphäre«. Daniel Lins aus Gaschurn ist einer, der eine herausragende Rolle bekam. Er spielte den Peter als Kleinkind. Als Peter erwachsen ist und die Liebe von Elias hintertreibt, übernimmt Star-Schauspieler Ben Becker diese Rolle.

Daniel Lins lüftet bei einem Erinnerungsabend zur 30-Jahr-Feier der Filmpremiere das Geheimnis, warum er sich für das Casting beworben hat. »Ich wollte als Kind immer eine Glatze haben, aber meine Mutter hat es mir verboten.« Da kam »Schlafes Bruder«, dessen Handlung zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielt, gerade recht. Denn die Kinder hatten damals, um die Verbreitung der Läuse zu verhindern, alle kurz geschorene Haare.

Möglichst dreckig ins Bett

Auch Martina Wittwer bestand das Casting. Sie war acht Jahre alt. »Wir sollten so dreckig wie möglich ins Bett gehen, damit man uns am nächsten Tag nicht mehr so viel schminken muss«, erzählt sie. Jedes noch so kleine Detail musste beim akribischen Vilsmaier perfekt sein. Zwei Wochen dauerten für Martina Wittwer die Dreharbeiten. Von der Schule wurde sie befreit. 250 österreichische Schilling (damals etwa 35 D-Mark) bekam sie für jeden Tag.

Die rechte Hand von Regisseur Vilsmaier war der Architekt Ernst Pfeifer. Um ein authentisches Bergdorf des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu errichten, musste er innerhalb von wenigen Wochen genügend altes Holz einkaufen. Dafür stellte ihm Vilsmaier Blankoschecks aus. Pfeifer zog los, suchte nach verfallenen Hütten und verhandelte mit den Besitzern. Als er das Material zusammen hatte, verpflichtete er sieben einheimische Zimmerleute für den Aufbau. Unter der Regie von Oscar-Preisträger Rolf Zehetbauer erstellten sie in sieben Wochen das Dorf »Eschberg«. Pfeifer: »Beim Dreh pilgerten Massen von Schaulustigen hoch ins Garneratal. Wir mussten eine Security verpflichten.«

Aufregung um Kreuzotter

Als Einheimischer wusste der Architekt, dass es Kreuzottern im Tal gibt. Doch seine Warnung wurde in den Wind geschlafen. Als dann eine Steinplatte angehoben wurde und plötzlich eine Otter darunter lag, war die Aufregung groß. Die am Set anwesende Krankenschwester »musste sofort nach Innsbruck und dort ein Antiserum holen«, berichtet Pfeifer.

So können sie noch heute unendlich viele Anekdoten erzählen. Eine der schönsten: Als Elias geboren wird, ist ein echtes Baby zu sehen. Der Säugling ist gerade mal 19 Stunden auf der Welt. Es ist Samuel König, und seine Mutter Lydia erzählt: »Als der Arzt ins Zimmer kam und fragte, wer sein Kind für einen Dreh abgeben würde, habe ich spontan Ja gesagt.« Ihr Sohn Samuel, heute 31 Jahre alt, lacht und meint: »Ich hab zum Glück keinen Schaden genommen!« (GEA)