REUTLINGEN. Das 10. inter:Komm! Festival beginnt mit Menschen, die Schutz suchen – vor dem Regen, der schwer und dicht auf den Echaz-Hafen prasselt. Das Publikum steht unter nahen Betonvorsprüngen; die Absperrgitter dürfen, nach der Flut, vorerst nicht berührt werden, aus Furcht vor Blitzschlägen; der Himmel grollt – und der Auftritt der ersten Band des Abends, Kolonel Djafaar aus Belgien, Afrobeats mit Jazz und Blasinstrumenten, muss abgebrochen werden, entfällt. Aber das Unwetter zieht weiter, und schließlich singt das Reutlinger Publikum, wie einst das Publikum in Woodstock: »No Rain!« – und Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck kann sein Grußwort beginnen.
Seitdem das inter:Komm! Festival erstmals stattfand, wird es gefördert von der Stadt Reutlingen. Keck begrüßt das Festival wiederum als einen »positiven Raum«, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebenswirklichkeiten begegnen und zu einem selbstverständlichen Miteinander finden können. Das Festival, sagt Keck, sei eine Feier der kulturellen Vielfalt in der Welt wie in der Stadt Reutlingen – und die Musik des Festivals keinesfalls Folklore, sondern ein »musikalischer Eigensinn abseits des Mainstreams«.
Italienische Piraten
Nuju, die Band aus Italien, macht weiter, wo Kolonel Djafaar abbrechen mussten, und nennt ihre Musik »Turbo-Folk« – das heißt: Die Gruppe um den Sänger Fabrizio Cariati setzt auf Tempo, spielt schnellen Rhythmus, tritt auf als eine Bande von Raubeinen, posiert als Piraten. Cariati lässt den Synthesizer aufheulen, das Theremin, springt energisch über die Bühne, singt mal Italienisch, mal Englisch, mal Deutsch, stimmt seine mitreißenden Refrains an mit wilder Stimme, während das Schlagzeug voranpeitscht und die Gitarre schreit. Natürlich spielen Nuju auch einen Song, den jeder kennt, den jede italienische Band spielen muss, wie Fabrizio Cariati findet, wenn sie im Ausland auftritt. Und natürlich ist das »Bella Ciao«, ein altes Lied, ein Volkslied, seit dem Zweiten Weltkrieg ein Lied, das den Widerstand gegen den Faschismus feiert. Hier mit noch mehr Schwung und einem wilden Geigensolo von Lorenzo Iori.
Gaye Su Akyol dann entführt in eine ganz andere Welt. Sie verbindet die Musik ihrer anatolischen Heimat mit westlichem Rock ’n’ Roll, Grunge, Psychedelic – Iggy Pop, so hört man, soll ein Fan von ihr sein; Fatih Akin arbeitet an einem Film über ihr Leben, der 2026 veröffentlicht werden soll. Gaye Su Akyol lebt in Berlin, inszeniert sich als perfekt west-östliche Pop-Kunstfigur, wird begleitet von einem Musiker, der zwischen Keyboard, akustischer, elektrischer Gitarre wechselt, und einem Schlagzeuger; sie tritt immer wieder selbst an ein kleines Drum-Set, das im Hintergrund der Bühne für sie aufgebaut ist, schlägt die Becken, die im Scheinwerferlicht aufblitzen.
Raumfahrt und Rebellion
Wer bei Gaye Su Akyols Musik einstimmen möchte, muss der türkischen Sprache mächtig sein – das trifft beim 10. Inter:Komm! Festival auf viele zu. Da steigen Chöre auf von Frauen, die sehr wohl Türkisch können und außer sich sind vor Begeisterung, da ruft immerzu irgendeine Stimme der Sängerin irgendetwas zu. Und die beugt sich vor und lächelt, unter ihrem sehr breiten Hut, spitzt die Lippen, breitet die Arme aus, tanzt im grünen, roten, blauen Licht. In ihren Melodien klingt der Orient mit; sie fließen mit exotischer Eleganz hinweg über hypnotisch pulsende Rhythmen. Oder die Musik nimmt einen schleichenden, magischen Ton an, in dem die Surfgitarre klirrt und Gaye Su Akyols Stimme hell und fremdartig mäandert.
»What do you think about going on a vacation, all together?«, fragt sie und lädt ihr Publikum ein zu Ferien im Weltraum, fern von der Wirklichkeit mit ihren sehr langweiligen, aber umso tödlicheren Konflikten. Gaye Su Akyol gilt als Unterstützerin der LGBTQI+-Community, sie feiert an diesem Abend auch andere Rebellen.
Menschen reichen sich den kleinen Finger
Zahlreiche Menschen verließen den Platz, das Festival, als die frühe Regenwand herniederrauschte; manche sind zurückgekehrt. Sie tanzen zur Musik von Gaye Su Akyol. Bei ihrem letzten Stück handelt es sich um ein anatolisches Volkslied. Und alle Menschen reichen sich den kleinen Finger, und viele Ketten aus Menschen wandern nun tanzend umher auf dem Platz am Echazufer, über dem es lang schon dunkel geworden ist. (GEA)

