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Ein klingender Sarkophag

LICHTENSTEIN-HONAU.Als Heinrich II. Posthumus Reuß 1635 stirbt, hinterlässt er einen kupfernen Sarg, den sich der mitteldeutsche Landherr noch zu Lebzeiten hatte anfertigen lassen, verziert mit allerlei Bibelversen und geistlichen Liedstrophen. Dass ausgerechnet dieser Sarg zu einem Stück Musikgeschichte werden sollte, verdankte er dem Testament seines verstorbenen Besitzers.

Das nämlich sah vor, dass der Freund und Vertraute des Heinrich Posthumus Reuß, Heinrich Schütz (1585–1672), die Inschriften des Sarkophags zu seinem Begräbnis in Musik fassen sollte. Eben diese trostspendende Begräbnismusik – Musikalische Exequien genannt – bildeten das Herzstück am vergangenen Samstag, als das Thomas-Selle-Ensemble in der Galluskirche Honau musizierte.

Die rund 25 Sängerinnen und Sänger samt den sieben Instrumentalisten widmeten sich unter der Leitung des jungen Dirigenten Nikolai Ott mit Vergänglichkeit, Trost und Hoffnung thematisch dem zu Ende gehenden Kirchenjahr. Wie passend dazu gestaltet sich die kleinteilige, aber facettenreiche Musik Schütz', die in all ihrer Schlichtheit den besinnlichen Texten besonderen Nachdruck verleiht.

Solistische Partien, Duette, Terzette bis hin zum vollen Chor ergeben ein klangliches Wechselspiel, welches das Ensemble durch seine die Breite des Kirchenraums nutzende Aufstellung zu verstärken wusste. Allesamt Teil des Chores, fanden sich die Solisten stets in neuen Konstellationen zusammen und präsentierten sich dennoch immer mit perfekt abgestimmter Artikulation. Dem solistisch geprägten, ersten Teil der Exequien folgte der zweite, chorisch-motettische Teil. Mit präziser Aussprache und vollem Klang füllte das Ensemble den Kirchenraum, der durch seine relativ trockene Akustik bereits kleine Ungenauigkeiten in der Intonation aufzudecken vermochte und der geforderten Transparenz Schütz'scher Musik tendenziell entgegenwirkte.

Erläuterungen und Meditation

Das Thomas-Selle-Ensemble wusste allerdings gut damit umzugehen und überzeugte durch gekonnte Feinabstimmung. Die insgesamt drei Teile der Exequien wurden immer wieder durchbrochen von Sätzen einer Suite en Mi eines unbekannten, barocken Komponisten.

Zeit also, um die gehaltvollen Texte nachwirken zu lassen. Ergänzt wurde die Musik außerdem durch Lesungen zum Leben des Heinrich Posthumus Reuß, Erläuterungen zu seinem ganz besonderen Sarg sowie einer modernen Meditation zum Psalm 73, der damals Grundlage der Beisetzungspredigt war.

Wie selbstverständlich gehörte die Bewusstmachung des Todes in die Zeit eines Heinrich Schütz: »Memento mori« – Gedenke des Sterbens. Nicht zu trennen übrigens vom heute noch wesentlich geläufigeren »Carpe diem« – Nutze den Tag. Wer das Konzert des Thomas Selle- Ensembles besuchte, der konnte beidem seinen Tribut zollen. Denn wer am Thema und der Musik interessiert ist, hätte seine Zeit an diesem Abend wohl kaum besser verbringen können. (GEA)