GOMARINGEN. Die Nummer »ein Mann, eine Gitarre« kann betulich sein. Sie kann aber auch alle Grenzen sprengen. Wie bei Alexandr Misko. Wenn man die Augen schloss, konnte man meinen, da spiele eine ganze Rockband am Sonntagabend in der Gomaringer Sport- und Kulturhalle. Aber da stand nur ein einziger Musiker auf der Bühne: der 28-jährige Russe mit seiner verkabelten Akustikgitarre.
Es war ratsam, die Augen nicht zu lange zu schließen für die rund 130 Besucher. Sie hätten sonst Spektakuläres verpasst. Schon allein Miskos Instrument. Im Kern eine abgenutzte Akustikgitarre. An die Misko jedoch so viele Extramechanismen drangebastelt hat, dass sie nun aussieht, als hätte man sie für den Einsatz auf einem fremden Planeten umgerüstet.
Schalthebel wie Igelstacheln
Oben am Ende des Gitarrenhalses ragen Schalthebel wie Igelstacheln in die Luft. Mit ihnen kann Misko einen angeschlagenen Ton nach oben »verbiegen«. Mit darunter angebrachten Stimmschrauben ebenfalls. Weitere Tonmanipulationen ermöglichen Tasten ganz unten am Korpus. Dort sitzt auch eine Reihe von Vorrichtungen, mit denen sich der Klang einer Snaredrum und eines Hi-Hat nachahmen lässt.
Sein Publikum mit all diesen Zusatzfunktionen bekannt zu machen, nimmt einen großen, unterhaltsamen Teil des Abends ein. Genüsslich zeigt Misko, wie er alle erdenklichen Tonerzeugungsmethoden heranzieht, um eine Band alleine zu verkörpern. Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger seiner Greifhand formen durch Zupfen oder Antippen der Saiten auf dem Griffbrett die Melodie. Der Zeigefinger schlägt dazu wie ein kleiner Hammer die Basstöne auf der tiefsten Saite.
Eingebautes Schlagzeug
Die Schlaghand – in seinem Fall die linke, weil Misko eine Linkshändergitarre spielt – entlockt den Apparaturen am unteren Rand komplexe Schlagzeugrhythmen. Den Puls der Basstrommel kreiert er mit dem Handballen auf dem Korpus. Dazwischen zuckt seine Linke immer wieder auf die Saiten, um ihnen weitere melodische Elemente oder kraftvolle Schlagakkorde zu entlocken.
Mit all diesen Apparaturen und Spieltechniken, ergänzt durch jede Menge Elektronik, beschwört Misko ganze Rocksongs herauf. Etwa Michael Jacksons »Billie Jean« in der Zugabe. Die meisten Stücke sind jedoch Eigenschöpfungen. »Regen und Gewitter« nennt er eine Kreation, die sich aus zartem Tröpfeln zu gewaltigen Eruptionen steigert. Für einen dunkel dröhnenden »Intergalaktischen Marsch«, zu dem er mit den Füßen stampft, steckt er als Spezialeffekt eine DVD-Scheibe zwischen die Saiten. Natürlich passend »Eine dunkle Bedrohung« aus der »Star Wars«-Reihe. Passend dazu kommt zwischendurch eine Ufo-ähnliche Stahlzungentrommel, auch »Hang« genannt, zum Einsatz.
Headbanging und Rockerposen
Ihm zuzuschauen, ist atemberaubend. Wie seine Finger über die Saiten wirbeln, seine Hände zu den Perkussionsfeldern zucken, um gleich wieder ganz oben die Tonhebel umzuwerfen. Er zelebriert das, wirft sich in Rockerposen, entledigt sich im zweiten Teil seiner Jacke, sodass seine muskulösen Oberarme zur Geltung kommen. Er streckt die zum Rockergruß geformte Faust in die Luft, wirft sich auf die Knie, headbangt beim Spielen, wirft sein Haar nach vorn und hinten. Zwischendurch wird er zum Gangster-Rapper mit Sonnenbrille.
Tatsächlich kommt er aber als einer rüber, der ganz unabgehoben ist, nahbar und sympathisch. Etwa, wenn er von Auftritten in China erzählt, bei denen der Saal voller jugendlicher Gitarrenfans ist, die ihn am Ende auf ihren Instrumenten unterschreiben lassen. »Da finde ich dann die Unterschriften meiner Freunde, die ich so selten sehe, weil wir immer anderswo unterwegs sind, und so kommen wir auf diese Weise zusammen.«
Flucht vor dem Krieg
Ganz still wird es im Saal, als er berichtet, weshalb er vor drei Jahren nach Deutschland kam. Da überfiel sein Heimatland Russland die Ukraine, und wer dagegen aufbegehrte, musste mit Gefängnis rechnen. Er ist geflohen, aber seine Familie und viele Freunde sind noch dort – ihnen und der Sehnsucht nach Zuhause widmet er sein Stück »Home«. Musik voll Melancholie und Wehmut, aber auch voller Kraft.
Gomaringen hat er seither schätzen gelernt, auch wegen des Fitnessstudios dort, wie er schmunzelnd erzählt. Er widmet dem Ort eine Hymne, sonnig, schwebend, unbeschwert. Und weil niemand in der weiten Welt ihn richtig aussprechen kann, hat er ihn kurzerhand in »Goodmorningen« umgetauft. (GEA)



