REUTLINGEN. Illustriertes Buch, Hörspiel und All-Star-Musikprojekt in einem. »Dämmerland« ist ein eigener Fantasy-Kosmos. »Es ist ein Herzensprojekt«, sagt Hannes Braun. »Und jetzt sind wir sogar auf Platz 1 der Albumcharts gelandet.« Ende November war das. Der Musikproduzent und Sänger der Band Kissin’ Dynamite wohnt in Reutlingen und produziert so unterschiedliche Künstler wie die Kelly Family, Santiano, Hansi Hinterseer, aber auch diverse Metal- und Folkbands.
Auch die Songs von »Dämmerland« sprengen Genregrenzen und sind vor allem eingängig. Die musikalische Bandbreite von Folk und Mittelalter-Rock, Singer-Songwriter-Sounds und Metal sucht seinesgleichen. Mit dem ersten »Dämmerland«-Teil eroberte das Team Braun und Malte Hoyer von Versengold Platz 2 der Offiziellen Deutschen Albumcharts. Diesmal hat es sogar für die Pole-Position gereicht.
Geteilte Aufgaben
Die Idee zum Fantasy-Epos kam den beiden Musikern vor ein paar Jahren. Sie kennen sich schließlich bereits eine ganze Weile, denn Braun produziert Versengold. »Der Song 'Eintagsfliege' hat etwas Kindliches. Wir dachten: Lass uns doch ein Kinderprojekt, vielleicht mit Folkmusik machen«, sagt der 33-Jährige. »Malte ist übrigens auch ein studierter Pädagoge.« Das Duo teilt sich die Aufgaben auf. Hoyer verfasst die Story, Braun ist für das Schreiben der Songs und der Hintergrundmusik zuständig und hat das gesamte Hörspiel auch produziert. Als Erzähler holten sie sich Stephan Benson. Ein ganzer Kosmos ist entstanden, der viele Menschen von Klein bis Groß begeistert. »In Kitas wird aus Dämmerland vorgelesen. Die Kinder malen und basteln unsere Charaktere. Besonders beliebt ist der sprechende Pilz Svepp«, sagt Braun stolz.
Etwa 40 Künstler sind am zweiten Teil von »Dämmerland« beteiligt. Rund sieben Stunden Hörvergnügen sind entstanden. Man geht auf eine Reise mit dem Protagonisten Fiete, den Braun eingesprochen hat. Gemeinsam mit seiner Schwester Paloma, gesprochen von Sängerin Annie Hurdy Gurdy, die ebenfalls zum harten Kern von »Dämmerland« gehört, sowie altbekannten und neuen Wegbegleitern nimmt Fiete die Suche nach dem verschollenen Goldzahn seiner Großmutter wieder auf und taucht tief ein in die sagenumwobenen Geschichten einer Welt, die mit der Geschichte seiner eigenen Familie verwoben ist.
Im Turbomodus entstanden
Der erste Teil wuchs innerhalb von zwei Jahren, neben der üblichen Arbeit, die beim viel beschäftigten Braun nicht gerade wenig ist. Die Entwicklung des zweiten Teils passierte im Turbomodus in einem Jahr. Sehr lange Arbeitstage von 14 Stunden ohne Wochenenden waren für den Reutlinger keine Seltenheit, sagt er.
Auch er hat sich für »Dämmerland« auf eine Reise gemacht. Es ging quer durch die ganze Republik. Denn viele der Musiker übernehmen im Hörspiel auch Sprechrollen. »Ich wollte ihnen nicht so viel Mühe machen und sie auch bei ihren Sprachaufnahmen unterstützen«, sagt Braun. Aufgenommen hat er in Kellern, Wohn- und Hotelzimmern und natürlich auch in seinem Studio in Reutlingen. Auch seine Bandkollegen von Kissin’ Dynamite sind mit von der Partie, als Schluckbolde.
Musikvideos gedreht
Das Medium Musikvideo fehlt auch nicht bei »Dämmerland«. Zu den Single-Auskopplungen »Schiff aus Glas« mit Seemannssound von Versengold und dem melancholisch-romantischen »Rosenrot«, wunderschön intoniert von Jennifer Haben von Beyond the Black, und »Willkommen in der Dunkelheit« von Eisbrecher wurden auch Musikvideos gedreht.
Brauns Wunschkandidaten haben alle zugesagt. Der hungrige Tunnel singt tief, grollend, düster, soghaft. »Willkommen in der Dunkelheit«. Alexander Wesselsky von Eisbrecher war da eine klare Wahl. Auch Joachim Witt habe sofort zugesagt. Seine Stimme passt zum alten, weisen Pilz für »Umarme das Mysterium«. Brauns eigene Stimme ist im Song »Sand der Zeit« zu hören und natürlich als Hauptrolle Fiete. »In mir steckt erstaunlich viel Fiete. Ich bin auch ehrgeizig, ungeduldig und immer mal auch mit dem Kopf durch die Wand«, sagt er.
Herzzerreißende Nachrichten
Tabuthemen wie Alkoholismus, Klimaschutz, Konsumkritik, Depression oder familiäre Probleme sind in die fantastische Handlung eingewoben. »Wir haben herzzerreißende Nachrichten bekommen. Manchen hat 'Dämmerland' über den Schmerz hinweggeholfen und ihnen Kraft gegeben.«
Braun macht keine halben Sachen. Um nicht unwissentlich jemandem weh zu tun, haben sich Braun und Hoyer mit verschiedenen Vereinen und Verbänden besprochen, von Depression bis zum Thema Sternenkind. Eigentlich habe er sich immer beruflich eher im Bereich der Unterhaltung gesehen, sagt er. »Ich kann bei 'Dämmerland' nun etwas mitgeben, was mir selber sehr am Herzen liegt.«
Bülent Ceylan als Gnom
Aber auch die Absurdität unserer »normalen« Welt hat ihren Platz in »Dämmerland« gefunden. »Die Plackerlinge, die immer schaffen wollen und nicht davon abgehalten werden wollen, sind wie Schwaben«, scherzt Braun. Bülent Ceylan als Gnom Achim sorgt für Lacher und kann mit dem folkrockigen »Außer Suppe alles schnuppe« auch zeigen, was er als Sänger draufhat. The Baseballs dürfen als Türsteher mit Rockabilly-Sounds mitwirken: »Du kommst hier nicht rein.«
»Dämmerland« geht auch auf Tour. Braun, Hoyer und Annie Hurdy Gurdy treten mit einer Band auf. Der Erzähler Benson liest. Videowelten sorgen dafür, dass man in die Handlung eintauchen kann. »Es wird wie eine Art modernes Musical«, sagt Braun. Man darf auf Gaststars gespannt sein. Für den Auftritt im Stuttgarter Theaterhaus am 27. Oktober gibt es noch wenige Karten. Wer da kein Glück haben sollte, kann sich immerhin auf einen dritten Teil freuen. Denn dieser ist bereits in Planung. (GEA)

