REUTLINGEN. Es gibt diesen Moment im zweiten Drittel des Konzerts, da verzehren sich Band und Orchester im Anrennen ihrer Groovewellen. Alles kollabiert in erschöpfte Stille, als plötzlich Dirigent Mariano Chiacchiarini sein Pult verlässt, um sich nach hinten zu den Schlagwerkern zu verkrümeln. Während statt seiner Bandleader Andreas Schaerer vor die Musiker der Württembergischen Philharmonie tritt. Wie ein Magier schleudert er die Hände, gibt mysteriöse Zeichen, worauf im Orchester geräuschhafte Cluster aufheulen, mal links mal rechts, sofort wieder verstummen, gefolgt von neuem Grollen, Grummen, grellen Bläserblitzen, zuckenden Zupfattacken der Streicher.
Es ist, als würde da ein Zauberer mit der Macht seiner Hände die Klangmassen beschwören, das Toben der akustischen Elemente bezähmen. Bis am Ende anrührende Harmonien das Chaos befrieden, Ruhe einkehrt im Reich der Töne.
Orchester als Impro-Organismus
»Hildegard lernt fliegen« heißt die Schweizer Combo, in Jazzkreisen längst Kult, am Donnerstagabend nun zu Gast bei der Württembergischen Philharmonie in der Kaleidoskopreihe in der Stadthalle. Und Klangmagier ist er ohne Zweifel, dieser Andreas Schaerer, der da mit seinen Gesten »auf« dem Orchester improvisiert, als sei es eine Jazzorgel. Was man so ähnlich übrigens bereits im Oktober 2021 beim Sonic-Visions-Festival im franz.K bestaunen konnte, damals mit Juri de Marco als Dirigent, der »auf« einer Auswahl von WPR-Musikern improvisierte.
Die Auflösung der Strukturen in der kollektiven Improvisation – sie bleibt die Ausnahme am Donnerstagabend. Den Rest seiner sechssätzigen Suite »Big Wig«, was »Große Perücke« heißt, hat Schaerer als Partitur ausnotiert. Das aber nicht weniger originell: Man streift durch Welten und Stile; berauscht sich an immer neuen Klangfinessen; und über allem schwebt Schaerers Stimme, mal dunkel raunend, mal in wundersamen Höhen. Mit Breitwand-Sound geht’s los in einem Stück namens »Seven Oaks« (also: »Sieben Eichen«). Ein Gefühl, als stürze man in einen Hollywood-Thriller: Bläser-Fanfaren, Sehnsuchtsposaune über Streicherpizzicato, nervöse Marimba-Pattern, Steigerung wie eine Brandungswelle – Stille.
Das folgende »Preludium« entrollt über Hitchcock-artigem Bläserraunen das Idyll zweier Harfen überm Zupfpuls des Band-Kontrabassisten (Marco Müller). Schaerer schmachtet eine wolkenverhangene Ballade, wieder Bandposaunist Andreas Tschopp, die Hörner sehr weich, Flötenflirren, dann Schaerers Stimme, traumartig hoch überm Geigenschimmern.
Zwischendurch Schaerers Ansagen, erst in knarzendem Schwyzerdütsch, dann angenähert hochdeutsch – Anekdoten, Erzählungen, Legenden. Etwa die, wie er 2014 den Auftrag für die Orchestersuite bekam, aus Luzern, darauf angeblich tagelang im Hotelzimmer saß ohne jede Inspiration. Kaum glaubhaft, wo es hier nur so aus ihm sprudelt in immer neuem Klangwitz. Aber nett ausgedacht, diese Legende, keine Frage. »Zeusler« (Schweizerisch für »Zündler«) führt in zuckendes Rhythmusgeflacker mit Schaerers Stimme als Scat-Improvisator. Latin-Gerassel im Schlagwerk, Shaker, brodelnde Grooves im Orchester, vibrierende Rhythmusflächen, darüber voll Wehmut die Saxofone der Band (Matthias Wenger, Benedikt Reising). Und wieder Schaerers Stimme, gewaltige Steigerung, Abbruch.
Unfassbare Vokalartistik
Vollends der Wahnwitz: »Wig Alert« (also: »Perückenalarm«). Sieben Schlagzeuger, teils vom Orchester, teils von der Band (Christoph Steiner) klöppeln auf zwei Marimbas und Vibrafon. Dazu entlock Schaerer seinem Stimmapparat einen vertrackt pulsierenden Afrobeat, über den er auch noch singt und den er zudem mit einem Basspuls grundiert. Wie macht der Mann das? Es ist ein Rätsel.
Verrückter geht nicht? Doch, denn nun kommt die eingangs erwähnte Nummer mit Schaerer als gestikulierendem Improvisator auf dem Orchester wird. Ein Kindheitstraum sei das, schwärmt er.
So geht es durch immer neue Musikwelten: Hollywood und Orient, Afrika-Feeling und Thriller-Vibes, immer mit Schaerers Stimme im Zentrum, mal samtweich swingend, mal mystisch durch Raum und Zeit segelnd. Die Zugabe ist ein Kleinod für sich: hauchzarte Kammermusik am Bühnenrand mit drei Blockflöten über dem filigranen Klimpern des Daumenklaviers und dem Fagott, das dazu plötzlich in der Höhe versonnen seine Stimme erhebt. Zauberwelten des Klangs. Nicht enden wollender Applaus. (GEA)

