REUTLINGEN. Es ist nicht viel Platz auf der Podestgalerie im Erdgeschoss der Reutlinger Stadtbibliothek. Karl Striebel jedoch hat in dem eng bemessenen Geviert sage und schreibe 62 druckgrafische Arbeiten untergebracht. Weil Striebel ein erfahrener Ausstellungsfuchs ist, wirkt das noch nicht einmal gedrängt.
Fertiggebracht hat der Reutlinger das durch einen Trick: Im Grunde überlagern sich hier zwei Ausstellungen. Die erste besteht aus 17 Druckgrafiken in größerem Format. Fast alles ältere Arbeiten von 2003 bis 2012, als Striebel sich mit diversen Drucktechniken auseinandersetzte. Sie gruppieren sich locker an drei Wänden rund um das Viereck.
Serie kleiner Formate
Eine zweite Ausstellung zieht sich in Form kleiner quadratischer Formate die Brüstung der Galerieempore entlang. Wie die Bilderserie eines Cartoons folgt hier ein Motiv dem nächsten. An einer Stelle lässt Striebel den Fluss der Motive in die Vertikale ausbrechen mit zwei stelenartigen Wänden, ehe der Bilderstrom wieder in die Horizontale einbiegt. Dieser filmartige Strom kleiner Motive besteht ausnahmslos aus neueren Arbeiten. Dazwischen klafft eine zeitliche Lücke, in der Striebel sich vor allem mit Malerei beschäftigt hat.
Die merkwürdige Doppelanordnung verdankt sich schwabentypisch einer Ausmistaktion. Striebel ist ungeheuer produktiv – mit der Folge, dass die druckgrafische Produktion früherer Jahre seinen Haushalt verstopfte. »Ich wollte das Zeug schon wegschmeißen – aber als Schwabe habe ich überlegt, ob ich nicht doch noch was damit anfangen kann«, erklärt er schmunzelnd den Gästen der Vernissage. Natürlich konnte er: Striebel zerteilte die alten Arbeiten in kleinere Formate und überdruckte sie mit weiteren Motiven. Das ist es, was sich nun die Brüstung der Galerie-Empore entlangzieht: Kunst-Recycling.
Alte Arbeiten neu bedruckt
»Überdruck« hat Striebel die Schau denn auch genannt. Denn erstens verdanken sich die neueren Arbeiten dem Überdrucken älterer Motive. Und zweitens kann man hier richtig was »über Druck« lernen. Denn Striebel ist auch in Sachen Drucktechnik ein erfahrener Fuchs. Ursprünglich vom Aquarell herkommend war er erst bei der Radierung gelandet, ehe er mangels tauglicher Presse zum Holzschnitt überging, bei dem er mit Handabrieben arbeiten konnte.
Seine Bestimmung fand er jedoch erst im Siebdruck. Warum? Weil in Striebels Bildwelt Elemente aus Malerei, Zeichnung, Grafik und Fotografie zusammenfließen. Fast nirgends lässt sich das so elegant vereinen wie im Siebdruck, wo es sich mit Farbflächen spielen lässt, Zeichnerisches wie Fotografisches mit Belichtungsprozessen aufs farbführende Gewebe gebannt werden kann. Allenfalls in der Cyanotypie und in der Intagliotypie geht das ähnlich geschmeidig – weshalb auch sie bei Striebel eine Rolle spielen.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung »Überdruck« mit Druckgrafik von Karl Striebel ist in der Galerie auf dem Podest der Stadtbibliothek Reutlingen bis 24. Januar zu sehen, Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr. (GEA)
www2.stadtbibliothek-reutlingen.de
Er erläuterte diese Techniken in seiner Einführung samt Beispielen – die Vernissage wurde so zur Nachhilfestunde in Druckgrafik. In seiner Kunst nutzt er diese Techniken, um völlig gegensätzliche Stilelemente zu kombinieren. Über Landschaftliches legt sich Geometrisches; über Blütenmotive à la Andy Warhol legen sich durchbrochene Strukturen; hinter Krakelüren in der Tradition des Informel fällt der Blick in die Tiefe gelber oder blauer Farbräume.
So entstehen komplexe Eigenwelten, die oft mit Anspielungen aus der Realität arbeiten, Silhouetten von Menschen, Wald, Gebäuden; die dies aber in artifizielle Räume überführen, die dem Fantastischen und Surrealen nahe sind. (GEA)



