REUTLINGEN. Da war was geboten auf dem Reutlinger Marktplatz! Die beschauliche Fläche vor dem Sitzungsgebäude verwandelte sich am Mittwochnachmittag zum afrikanischen Tanzplatz, zum Drachenlauf-Terrain, zur Rock-Arena und zum Theaterschauplatz – beim Auftakt des Performance-Festivals »Echt Jetzt!«. Gestern am frühen Abend ging's weiter im Heimatmuseumsgarten, mit einer Kooperation von Rosegger-Schule und IKG, dem Jungen TPZ, dem Theater Tacklack, der Schreibgruppe Vintage. Und mit Szenen der internationalen Künstler aus Thailand, von den Philippinen, aus China, Indonesien. Am Mittag hatten eben jene Künstler bei einer Konferenz im Reutlinger Theaterpädagogik-Zentrum (TPZ) ihre Projekte zwischen Kunst und sozialer Initiative vorgestellt.
Luftgefülltes Erdmännchen
Zurück zum Auftakt: Eingangs überbringt Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger die Grüße des mitfinanzierenden Rathauses und Jochen Hetterich jene des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart, kurz ifa, das bei der Finanzierung der Flüge der Gäste mitgeholfen hat. Einige Erläuterungen noch von Monika Hunze, Geschäftsführerin am veranstaltenden TPZ, dann stellt sich ein zehn Meter hohes luftgefülltes Erdmännchen auf die Hinterbeine. Und eine Schar von TPZ-Mitstreitern füllt mit stabgeführten Großfiguren den Platz wie ein Schwarm gigantischer Schmetterlinge.
Ins Theaterfach wechselt die Gruppe Hinterlândia aus Kreßberg bei Schwäbisch Hall. Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen greifen das Festival-Motto »Wo Hin?« auf – mit Landkarten irren sie über den Platz, rufen »Es gibt so viele Wege und Straßen!« oder »Wir können überall hin!«. Aus einem Globus erscheint eine Folie, die wie ein Sprungtuch gespannt wird. Was in ein Ringen mündet, wer die Richtung vorgibt. Am Ende steht die Erkenntnis: »Hinter mir alles – vor mir die Zukunft!«
Hits von Turner bis Piaf
Die Zukunft, sie gehört auch den Kindern und Jugendlichen des African Royal Ballet Djiby Kouyaté, die in leuchtenden Kostümen über den Platz fegen, mal mit afrikanischen Dorftänzen, mal im wilden Hip-Hop-Stil. Die Show entstammt einem Projekt für Straßenkinder in Mali, hinter dem Djiby Kouyaté und Bdjaly Basy Kouyaté stehen. Auf ihre Initiative hin wurde in der Hauptstadt Bamako eine Tanzschule für Straßenkinder eröffnet und ein Internat, um ihnen sichere Schlafplätze zu bieten. In Reutlingen gibt Bdjaly Basy Kouyaté den Stimmungsmacher, der nicht ruht, bis der ganze Platz mitsingt. Djiby Kouyaté schmettert Tina-Turner-Hits und Edith-Piaf-Chansons, ehe die Jugendlichen in neuen Kostümen zurückkehren. Was für ein Temperament!
Nebenan kreiert live der Chinese Gao Xiang mit einem Riesenpinsel eine riesige Tuschezeichnung. Liegende Frau oder liegender Mann? Der Künstler lächelt schalkhaft. Mit Blätterwerk und Pagode spielt er auf die ethnische Minderheit der Dai in seiner chinesischen Heimatprovinz Yunnan an, die Bezüge zur Kultur Thailands haben. Dann übernehmen die TPZ-Figurenspieler wieder, formieren sich zu einem Drachen aus zig Einzelteilen, der in die Wilhelmstraße wandert.
Festivalinfo
Das Performance-Festival »Echt Jetzt!« geht heute um 17 Uhr weiter im Reutlinger Heimatmuseumsgarten. Zuvor ist von 11 bis 14 Uhr offene Konferenz zu »Community Works« im TPZ in Betzingen (Heppstraße 99). Am Samstag sind von 12 bis 20 Uhr Performances auf der Tübinger Neckarinsel. Am Sonntag endet das Festival mit einerPerformance von Krynkana Kongpetch um 11 Uhr in der Galerie Maas in der Reutlinger Wilhelmstraße 97 und mit einer Kollektiv-Performance um 17 Uhr in der Tübinger Sudhaus-Peripherie. (GEA)
www.tpz-bw.de
Dort trifft man sich in der Galerie von Reinhold Maas bei einer Performance der Thailänderin Krynkana Kongpetch. Im blau-pinken Affenkostüm agiert sie vor einem Wandbild aus Textil, gibt Töne von Klanghölzern von sich. Ein versteckter Spieler in einem blauen Sack wirft Päckchen ins Publikum, in denen sich kleine Klangerzeuger verbergen. Bald verwandelt sich das Publikum in ein klackerndes, trötendes Orchester. Auf der Bühne gesellt sich Festival-Mitorganisator Andreas Hoffmann mit Papageien-Haube dazu.
Tragikomischer Affe
In Thailand sei es üblich, gerade dann in Lachen auszubrechen, wenn es besonders schrecklich sei, erklärt die Künstlerin. Das Wandbild greift einen Hochhauskomplex auf, der in Thailand wegen Baumängeln und Korruption zusammengestürzt ist. Für das Bild habe sie Stoff verwendet, wie er von den Arbeitern in dem Komplex getragen wurde. Der Affe sei der Überbringer der schrecklichen Nachricht und Kritiker an den Verantwortlichen, die Aktion insgesamt ein Appell, zusammenzuhalten, Gemeinschaft zu leben. Eine allzu aktuelle Botschaft, nicht nur in Asien. (GEA)



