REUTLINGEN. Wenn die Pandemie ein Genre der populären Musik böse abgestraft hat, dann mit Sicherheit den Punk. Menschenmassen vor einer Bühne, die toben, sich beim Pogo-Tanz raufen und dabei mit Schweiß und Speichel um sich werfen, sind so kaum vorstellbar in einer Zeit, in der die geringste Infektionsmöglichkeit die Alarmglocken lauter schrillen lässt als das rotzigste Gitarrenriff.
The Deadnotes – eine Band aus Freiburg, in Deutschland, zu der es kurioserweise nur einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt – lösten den Bann am Freitagabend im franz.K mit rabiater Überzeugungskraft: Da tanzte man zwar immer noch auf Abstand, aber man tanzte, man konnte es nicht lassen. Zuvor meldete sich mit Lummerland aus Tübingen eine andere junge Band zu Wort, die eher auf das Wechselspiel druckvoll harter und fein ausgearbeiteter Passagen setzt. Beide teilten sich den Abend nahezu paritätisch, spielten jeweils etwa eine Stunde. Und für nur etwa 60 Gäste blieb im franz.K dabei genügend Raum, trotz allem ganz aus sich herauszugehen.
Lummerland, benannt nach der erträumten Insel, auf der Michael Ende Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer leben ließ, gründeten sich 2021. Die fünf Tübinger, sämtlich Anfang 20, machen ihre Sache längst schon sehr gut – bei ihnen gibt es kleine, fast klassische Momente des Keyboards, über denen sich die Gitarre melodisch einfädelt, bevor ein wuchtiges Schlagzeug dem Song eine ganz andere Richtung gibt.
Gehämmerte Bassfiguren
Immer wieder vollzieht die Band diesen Schwung von den sorgfältig ausgearbeiteten ruhigeren Passagen, die die Ohren ihres Publikums anspitzen, hin zum riffbetonten Rock in Grunge-Tradition. Lummerlands Lieder sind auf Deutsch geschrieben – oft versinkt der Gesang in der Wucht der Musik, taucht dann wieder auf: »Gib mir Zeit, noch ein kleines bisschen Zeit«, klagt Anton, der Sänger und Lead-Gitarrist – dann ein Aufschrei, dann ein wilder Galopp.
Solche Ruhepausen gibt es bei The Deadnotes nicht. Darius Lohmüller an der Gitarre, Jakob Walheim am Bass und Yannic Arens hinterm Schlagzeug werfen gut gelaunte und geballte Energie auf die Bühne, dies seit zehn Jahren schon. Ihr Gesang kommt auf Englisch, wird einmal von Lohmüller, einmal vom Walheim beigesteuert. Yannic Arens schlägt mit rasender, aufregender Geradlinigkeit auf seine Trommeln ein, lässt dazwischen die Becken rauschen; Jakob Wahlheim hämmert Bassfiguren aus, die dieses Gerüst perfekt ergänzen. Darüber, dazwischen, der leidende, aufbegehrende, vorlaut gedrungene Gesang; er überschlägt sich, schneidet sich mit den scharf eingängigen Gitarrenriffs.
Jedes Stück der Deadnotes besitzt eine schlichte, zupackende Melodie. Zweiundzwanzig Stunden, erzählt Darius Lohmüller, habe die Fahrt der Band nach Reutlingen gedauert, eine halbe Stunde Pause gab es dabei nur. »Es war das Beste, was wir machen konnten!«
Müde sind The Deadnotes lange nicht. Lohmüller springt auf, taumelt, schreit am Mikrofon, schlägt die schnellen, grellen, rhythmischen Akkorde auf der Gitarre – und das Reutlinger Publikum hat ihn wiedergefunden, den Punk. (GEA)

