TÜBINGEN. Eine Woche lang stand Tübingen im Zeichen Lars Eidingers. Täglich spielte ein anderer Film in den Tübinger Kinos, in dem Eidinger mitwirkte, zumeist präsentiert im Beisein seines Regisseurs. Eidinger selbst jedoch war nicht zugegen – erst am Samstag dann, gerade angereist aus Atlanta, USA, betritt er die Bühne im großen Saal des Kinos Museum. Lars Eidinger liest aus Bertolt Brechts »Hauspostille«, aus einer so didaktischen wie poetischen, finster-existenziellen, politisch-polemischen, aufwühlenden und provokanten Sammlung von Gedichten, die Brecht erstmals vor 99 Jahren veröffentlichte. Starkes Material, präsentiert im Eidinger-Stil. Das heißt?
Lars Eidinger wird seit 25 Jahren als Bühnenschauspieler gefeiert. Er gehört dem Ensemble der Berliner Schaubühne an, spielte unter Thomas Ostermeier, war 2021 und 2022 der Salzburger »Jedermann«, wurde durch Film und Fernsehen einem breiteren Publikum bekannt – nicht zuletzt als irrer Unternehmersohn Alfred Nyssen in der Serie »Babylon Berlin«. Eidinger wird im Januar 50, scheint überall zu sein, auf äußert coole Weise. Er führt Regie, er fotografiert, er gestaltet Bücher, ist als DJ tätig und präsentiert am späten Samstagabend in den Oberen Sälen des Museums auch seine »Anti Disco«. Sehr sicher spielt er in den Extremen von stiller Eindringlichkeit und grellem Overacting. Man muss Eidingers Stil nicht mögen – aber zugeben muss man: Eidinger ist eine Naturgewalt.
Bewegungslos am Mikrofon
Im Tübinger Kino Museum trägt er einen weit geschnittenen dunklen Anzug, hat die Haare glatt zurückgekämmt, trägt Brille und T-Shirt. Fotografen weist er gleich zu Beginn zurück – viel zu sehen, sagt er, gäbe es ohnehin nicht: »Ich beweg‘ mich eh den ganzen Abend nicht.« Zu seiner Rechten, am Piano, Harmonium und weiteren Tasteninstrumenten, Hans-Jörn Brandenburger, der, wie man erfährt, einst mit der Band »Felix de Luxe« einen späten Hit der Neuen Deutschen Welle hatte, seither mit Regisseuren wie George Tabori, Frank Castorf oder Robert Wilson arbeitete. Er improvisiert, erzeugt Geräuschaftes, Flächen, Muster, schwenkt ein in Klassik oder Boogie. Lars Eidinger schwärmt und neidet dem Musiker die Freiheit.
Eidinger selbst wirkt ruhig, gelöst. Später wird er gestehen, dass er bei seinen Brecht-Programmen sonst nie plaudert – in Tübingen tut er es, lacht auch häufig, lässt sich von einem vermeintlichen Feueralarm nicht aus der Ruhe bringen. Keine grellen Töne an diesem Abend, keine Maßlosigkeit, keine Egozentrik: Lars Eidinger geht ganz auf in Brechts Gedichten, rezitiert mit Zurückhaltung, großer Sprachbeherrschung, großer Wirkung.
Eidinger singt, Tübingen auch
Brechts »Hauspostille« erweist sich dabei als ein Werk, das Bilder von Niedertracht, sozialer Ungleichheit, von Tod und Verwesung neben die entschiedene Zurückweisung der Religion stellt: »Lasst euch nicht verführen! Es gibt keine Wiederkehr.« Eidinger singt, mit sehr kräftiger Stimme, die zuletzt aber doch von Brandenburgs Orgelspiel aufgesogen wird: »Ihr Herren bildet euch nur gar nichts ein, der Mensch lebt nur von Missetat allein!« Er singt den »Alabama Song«, singt das Finale der »Dreigroschenoper« – und jene, »die im Dunkeln stehen«, sieht man auch in Tübingen nicht, wie sollten sie sich denn die Karten leisten. Eine wahrhaft bizarre Szene trägt sich zu, als der ganze Tübinger Kinosaal Eidingers Aufforderung folgt und zu singen beginnt, erst verhalten, dann lauter: »Sterben! Sterben! Sterben!« Man erinnere sich: Dieser Mann spielte im ARD-Tatort mehrfach einen hochsensiblen Serienmörder!
Als Zugabe singt Eidinger Brechts »Kinderhymne«. Sie entstand viele Jahre nach der »Hauspostille«, wurde von Brecht als Gegenentwurf zur deutschen Nationalhymne geschrieben und von Hanns Eisler vertont. Mit diesem Stück berührt Eidinger, leise, kraftvoll, nuanciert, sein Publikum zutiefst. Kein Ton wird laut, als er da steht und singt: »Dass ein gutes Deutschland blühe / wie ein andres gutes Land.« Ganz leicht geht das Stück über in John Lennons »Imagine«. Das Publikum bleibt aufgewühlt zurück – und geht dann tanzen, denn Eidinger legt auf. (GEA)

