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Die Sprache lebt: Timo Brunke und die Hölderlin Spoken Word Band im franz.K

Der Wort- und Sprechkünstler Timo Brunke treibt das Deutsche in den Wahn. Die Hölderlin Spoken Word Band folgt ihm im Reutlinger franz.K.

Timo Brunke in Aktion.
Timo Brunke in Aktion. Foto: Thomas Morawitzky
Timo Brunke in Aktion.
Foto: Thomas Morawitzky

REUTLINGEN. Diesen seltsamen Rat gibt Timo Brunke am Donnerstagabend seinem Publikum im franz.K: »Rufen Sie doch mal Ihren Stress an!« Wenn Brunke, ein Sprech- und Wortkünstler, ein Poetry-Performer von hoher Kultur, so etwas sagt, zumal begleitet von einer Band, die sich stilsicher an den Rändern des Jazz bewegt und diese hin und wieder überschreitet, hin zur heiteren Freiheit des Geräuschs, dann muss man die Aufforderung wohl übersetzen mit einer Frage: »Wie mag er wohl klingen, der Stress?« Wie hört sich das an, wenn Termine, Ereignisse, Unmöglichkeiten am Nervenkostüm zerren? Eine Antwort liefert an diesem Abend Andreas Krennerich, denn er spielt das Saxofon, von Timo Brunke umgetauft zum »Stressofon«.

Die Klänge, die Boris Kischkat an der Gitarre und Daniel Kartmann an Percussion und Vibrafon zaubern, klingen erst sphärisch entrückt. Timo Brunke beginnt, vom Stress zu sprechen, beginnt, ihn zu loben als eine Urkraft des Universums – »allgegenwärtig, aber nie besungen« – spricht von der »Faser der Hektik, der brausenden Eile«, ruft mit glühenden Worten an das »Urprinzip, das allen Uhrblättern das Zittern zeigt«, erhebt den Stress gar zum Urgrund allen Seins: »Du warst zugegen, als im Anbeginn der Welt unsere Mutter Erde vollendet dastand, blauer Stern in kurviger Ellipsenfreude!« Und langsam erwacht es, das Saxofon, das Stressofon, schnauft zitternd, feucht, dissonant und aufdringlich hinein in den Lobgesang, schnaubt immer lauter, schriller. Wen wundert es da noch, dass Timo Brunke und die Hölderlin Spoken Word Band sich als Nächstes ein schönes altes Lied vornehmen und es in atonaler Verfassung präsentieren: »Der Mond ist aufgegangen«.

Durch alle Sprachschichten

Timo Brunke wurde in Stuttgart geboren, 1972, und studierte in Tübingen evangelische Theologie, gehörte dort bereits einer Autorengruppe an. Er ist seit mehr als 30 Jahren ein wichtiger Protagonist nicht nur der regionalen Poetry-Slam-Szene, und er verwandelt deutsche Sprache jeder Form und jeden Inhalts in schwer beeindruckende Sprach- und Sprechkunst. Brunke ist Performer mit schauspielerischer Ausbildung, einer, der viele Tonlagen beherrscht, der Gewöhnlichstes als hohes Drama aufklingen lässt, der zum rasenden Wortautomaten werden kann, die Sprache im rhythmischen Stakkato zum Spiel seiner Band hervorstößt, zugleich mit ihren Bedeutungsebenen spielt und inmitten von alldem Gesichter macht, die Augen aufreißt, mit Vokalen und Konsonanten zu ringen scheint, die Sprache auch körperlich werden lässt.

Brunke mischt Grimmsche Märchen auf, taucht komisch ein in die Welt von Shakespeares Verona und mogelt seltsam unzeitgemäße Worte ins Liebesdrama, singt von Gartenarbeit, Gummistiefeln, existenziellen Fragen, und lädt seine Zuhörer ein zur Zeitreise durch sechs Milliarden Jahre, in die Welt der Physik. Er ruft aus: »Ich sah die Dreimal-Schwarzer-Kater-Struktur des Welle-Teilchen-Dualismus!« Und: »Ich sah das Ding an sich, wie es mit sich selber balzte!« Manchmal schweigt er auch, während Andreas Krennerich, Boris Kischkat und Daniel Kartmann ihr eigenes feines Spiel aus konkreten, abstrakten, sehr jazzigen Klängen entwickeln.

Und doch noch Hölderlin

Die Tour de Force der Sprachwerdung endet mit einer Hommage an jenen Dichter, der eigentlich ja doch kein Tübinger war, dort aber siechen durfte – Friedrich Hölderlin schrieb sein berühmtes Gedicht »Hälfte des Lebens« 1804, kurz bevor er im Wahnsinn versank. Timo Brunke liest die zwei Strophen zweimal hintereinander, als Absacker für sein Reutlinger Publikum, und die Mauern stehen kalt im Winde, mit aller erschütternden Sprachgewalt. (GEA)