TÜBINGEN. Die Tübinger Poetik-Dozentur, 1996 initiiert und bis heute getragen von der Stiftung Würth, feiert im kommenden Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Autorinnen und Autoren wie Günter Grass, Susan Sontag, Hans Magnus Enzensberger, Jonathan Franzen, Daniel Kehlmann, Juli Zeh, Siri Hustvedt, Ilija Trojanow und Eva Menasse waren schon da, um über ihr Schreiben zu sprechen. Und nun Jenny Erpenbeck, die 1967 in Ost-Berlin geborene, unter anderem mit dem Independent Foreign Fiction Prize (2015), dem Thomas-Mann-Preis (2016) und dem International Booker Prize (2024) geehrte Schriftstellerin und Theaterregisseurin. Eine Autorin, über die die Tübinger Germanistin Dorothee Kimmich, Leiterin der Poetik-Dozentur seit 2005, sagt, sie verlasse sich nicht nur auf eigene Erfahrungen und Erinnerungen, von denen sie im Übrigen reichlich habe, sondern setze zudem auf genaue Recherche und umfassende Kenntnis historischer Ereignisse, gesellschaftlicher Konstellationen, von Orten, Plätzen, Straßen und von Alltag.
»Warum man von DDR-Literatur spricht, wenn jemand vom ganzen 20. Jahrhundert erzählt, erschließt sich mir nicht«, sagte Kimmich mit Blick auf das in der Literaturkritik verbreitete Schubladendenken. Die in Jenny Erpenbecks Romanen beleuchteten Geschehnisse gingen weit über einzelne biografische Perspektiven hinaus, umfassten das Schicksal von Generationen, Familien und Paaren, Landstrichen, Städten, immer auch »einer intellektuellen und künstlerischen Elite, die von einem Tag auf den anderen arbeitslos war«. Erpenbecks Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt, beispielsweise ins Arabische, Hebräische, Japanische, Estnische und Finnische.
Fotos mit der Autorin
Unter dem Titel »Verworfene Anfänge« ging die Autorin in der übervoll besetzten Tübinger Alten Aula (nicht alle, die wollten, ergatterten noch einen Platz, auch der Fußboden war belagert) auf die Entstehungsgeschichte ihrer Romane »Heimsuchung« (2008), »Gehen, ging, gegangen« und »Kairos« (2021) ein. Es schien fast, als wollten sich Schülerinnen und Schüler nach ihrer Vorlesung eine Art Super-Power fürs Abitur holen, indem sie sich mit der Autorin fotografieren ließen. Erpenbecks Roman »Heimsuchung« ist im Fach Deutsch Prüfungsstoff in Baden-Württemberg.
Erpenbeck las zwischendurch immer wieder Tagebucheinträge aus der Entstehungszeit ihrer Bücher vor. Was erhellend war, weil es nicht nur ihr Ringen um den richtigen Zugriff auf einen Stoff, die Struktur und Tonalitäten eines neuen Romans zeigte, sondern auch, was die Autorin im Alltag sonst so beschäftigte - von der Fahrt zur Autowerkstatt bis zur Kinderversorgung. »Ich lese das auch ein bisschen aus feministischen Gründen vor«, sagte Erpenbeck. »Ich weiß nicht, ob das Tagebuch von Thomas Mann ähnlich ...«, ließ sie als Halbsatz im Raum stehen, der zu Heiterkeit im Saal führte.
Ein langer Weg
In »Heimsuchung« erzählt Erpenbeck die Geschichte eines Hauses an einem märkischen See und seiner Bewohner im Laufe des 20. Jahrhunderts. Sie setzt im Prolog mit der Eiszeit ein, die die Seenlandschaft formte, und schildert im Epilog den Abriss des Hauses. Themen wie Flucht und Vertreibung, Exil, Identität, Zeit und Raum spielen im Buch eine Rolle. Erpenbecks Tübinger Ausführungen zeigten, dass die Autorin in besonderer Weise die Figur des Gärtners beschäftigte. Es war ein langer Weg, bis ihr klar wurde, dass sie ihm, anders als beispielsweise dem jüdischen Tuchfabrikanten, dem Rotarmisten oder der Schriftstellerin, kein eigenes Kapitel widmen würde, sondern dass dieser gleichsam mythischen Gestalt die Zwischenkapitel und Übergänge gehören. Der Gärtner kümmert sich um den Garten des Hauses und scheint mit der Natur im Einklang zu leben. Auch die Struktur mit Prolog und Epilog kristallisierte sich erst im Laufe der Zeit heraus.
Veranstaltungsinfo
Die Tübinger Poetik-Dozentur 2025 an der Universität Tübingen geht weiter. Am Mittwoch, 19. November, ist Jenny Erpenbeck im Gespräch mit Reinhard Müller unter dem Motto »Reden über Schweigen« zu erleben, am Donnerstag, 20. November, spricht der Schriftsteller Peter Wawerzinek über das Thema »Vom Gebrauch der Worte im Wechsel der Zeiten«. Beginn ist jeweils um 19 Uhr in der Alten Aula, Münzgasse 30 (Einlass ab 18.30 Uhr). Die Veranstaltungen können auch über einen Livestream verfolgt werden. (GEA)
Bezogen auf »Heimsuchung«, aber auch generell den Schreibprozess stellte Erpenbeck fest: »Manchmal hilft ein Umweg, besonders, wenn es an die Nieren geht.« Bei der Arbeit an ihrem Buch »Kairos« kam die Schriftstellerin an einen Punkt, an dem sie die chronologische Abfolge der Ereignisse nicht mehr aushielt. »Terror des Plots« nannte sie das. »Aber wie hinauskommen aus dem hermetischen Gefängnis dieser ewig immer nur fortschreitenden Handlung?« Sie notierte die Nummern der schon geschriebenen Kapitel auf kleine Zettel, faltete diese zusammen, warf sie in einen Krug und bat ihren Sohn, sie wahllos herauszuziehen. »In der Reihenfolge der Nummern, die er herauszieht, will ich die Kapitel anordnen«, nahm sie sich vor. Doch so kam es am Ende nicht. Im März 2020 hatte sie, wie sie sagt, die Eingebung, die Zeitstruktur durch einen Prolog von Beginn an anders zu etablieren. »Und siehe da: Im Rückblick bekommt die Geschichte plötzlich eine ganz andere Tiefe. Sie wird nicht einfach nur erzählt, sie wird betrachtet und so mit anderen Zeitschichten in Berührung gebracht. Sie wird dreidimensional.« (GEA)

