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Die Reutlinger WPR feiert Erfolge. Doch finanziell herrscht Alarmstimmung

Vertrag mit der renommierten Chefdirigentin verlängert, Abo-Zuwächse, vorbildliche Nachwuchsarbeit: Es läuft bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR). Doch finanziell herrscht Alarmstimmung. Das liegt nicht zuletzt auch am Land.

Geiger der Württembergischen Philharmonie Reutlingen bei einem Sinfoniekonzert in der Reutlinger Stadthalle.
Geiger der Württembergischen Philharmonie Reutlingen bei einem Sinfoniekonzert in der Reutlinger Stadthalle. Foto: Armin Knauer
Geiger der Württembergischen Philharmonie Reutlingen bei einem Sinfoniekonzert in der Reutlinger Stadthalle.
Foto: Armin Knauer

REUTLINGEN. Eigentlich steht die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) so gut da wie nie. Die Abozahlen steigen. Der Vertrag mit der hochrenommierten Chefdirigentin Ariane Matiakh konnte verlängert werden. Die Musikvermittlung mit Kinder- und Jugendkonzerten sowie dem Musikmobil »Philmo« gilt als beispielhaft. Mit den Konzerten für Demenzkranke, den Angeboten für Hörbeeinträchtigte ist die WPR ganz vorne dran in Sachen sozialem Engagement. Und der Brückenschlag zu Rock, Pop, Jazz und Weltmusik in der Kaleidoskop-Reihe sucht ihresgleichen.

Doch ausgerechnet jetzt gerät das Orchester in die finanzielle Klemme. Hauptgrund: Das Land wird nach Auskunft von Intendant Cornelius Grube und Reutlingens OB Thomas Keck, in Personalunion Stiftungsratsvorsitzender der WPR, die Tarifsteigerungen nicht ausgleichen.

Aufgebrauchte Rücklagen

Das hatte sich vor wenigen Wochen noch anders angehört, als Kunst- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski in der GEA-Redaktion zu Gast war. Da war sogar die Rede davon gewesen, jene unsägliche Zeitlücke in den Blick zu nehmen, welche den WPR-Haushalt schon seit Jahren belastet: Zuletzt hatte das Land seinen Zuschuss zwar an die Tarifsteigerungen angepasst – aus formalen Gründen jedoch erst Monate verzögert. Die so entstehende Lücke musste die Philharmonie aus Rücklagen ausgleichen – die nun fehlen, um noch reagieren zu können.

Mit der Französin Ariane Matiakh hat die WPR Anfang des Jahres den Vertrag als Chefdirigentin verlängert. Sie feiert derzeit deu
Mit der Französin Ariane Matiakh hat die WPR Anfang des Jahres den Vertrag als Chefdirigentin verlängert. Sie feiert derzeit deutschlandweit und international Erfolge. Foto: Reiner Pfisterer
Mit der Französin Ariane Matiakh hat die WPR Anfang des Jahres den Vertrag als Chefdirigentin verlängert. Sie feiert derzeit deutschlandweit und international Erfolge.
Foto: Reiner Pfisterer

Die Lage sei ernst, so Grube. »Wir möchten das hervorragende Niveau des Orchesters halten«, betont Keck. Das werde unter den gegebenen Umständen schwierig. Zumal auch die Stadt – wie fast alle Kommunen im Land – finanziell in der Klemme ist. Den städtischen Zuschuss zumindest teilweise an die Tariferhöhungen anzupassen, ist Keck zufolge vorgesehen. Mehr sei nicht drin, die Kommune zu sehr belastet durch ständig neue Pflichtaufgaben, für die Land und Bund nicht die entsprechenden Mittel geben. Beispiel: Ab Januar muss die Stadt ganztägige Grundschulbetreuung garantieren. Wer's zahlt? Im Zweifel die Kommune.

Förderstruktur in Schieflage

Was die WPR betrifft: Ursprünglich wollten Stadt und Land die Hauptlast zu gleichen Teilen übernehmen. Stattdessen macht bei einem aktuellen Gesamtbudget von rund 8,8 Millionen Euro der städtische Zuschuss rund 3,8 Millionen oder 43 Prozent aus, der des Landes rund 3,2 Millionen oder 36 Prozent. Die Beiträge von Landkreis Reutlingen (1,9 Prozent) und Stadt Tübingen (0,73 Prozent) sind marginal; die Eigeneinnahmen der WPR, mit 1,6 Millionen die höchsten seit Gründung 1945, machen rund 18 Prozent aus. Im Plan für 2026 klafft laut Grube momentan eine Lücke von 250.000 Euro.

»Es ist nicht so, dass wir mit dem Finger auf das böse Land zeigen wollen«, betont Keck. Man sei mit dem Land im Gespräch, dort würden die Verdienste der WPR durchaus anerkannt. »Aber von dort heißt es: Wir haben nichts.« Nicht nur die Kommunen ächzen, auch das Land steckt in der Finanzklemme.

Sperre für Wiederbesetzung

Für das Orchester heißt das in Kecks Worten: »Es wird prekär.« Konkret bedeutet es: Vier durch Verrentung freigewordene Musikerstellen sowie zwei im Management sind mit einer dreimonatigen Sperre belegt. Die Stelle von Harfenistin Marina Paccagnella ist noch nicht wieder besetzt. Wenn es hart auf hart kommt, müssten Planstellen im Orchester gestrichen werden, so Grube. Der Anspruch eines formal als B-Orchester eingestuften Ensembles, das künstlerisch faktisch auf A-Niveau spielt, wäre dann kaum noch zu halten. Auch die Frage, ob man seine renommierte Chefdirigentin noch halten kann, würde sich Grube zufolge stellen.

Auch das gehört zum gesellschaftlichen Engagement des Orchesters: WPR-Profis und Amateure proben gemeinsam im Rahmen der Orchest
Auch das gehört zum gesellschaftlichen Engagement des Orchesters: WPR-Profis und Amateure proben gemeinsam im Rahmen der Orchester-Akademie. Foto: Armin Knauer
Auch das gehört zum gesellschaftlichen Engagement des Orchesters: WPR-Profis und Amateure proben gemeinsam im Rahmen der Orchester-Akademie.
Foto: Armin Knauer

Was also tun? Keck hofft auf eine vom Land anvisierte Neuregelung des Förderkonzepts. Die soll 2027 kommen. Davor sind allerdings erst einmal Landtagswahlen. Und wer danach in der Regierung sitzt, wer im Kunstministerium, und mit welchen Plänen, ist ungewiss.

Private Förderer gesucht

Von daher will Intendant Grube vor allem die private Förderung weiter ausbauen. Was teils bereits passiert ist. So finanziert die Karl-Schlecht-Stiftung bis 2028 komplett das Musikvermittlungs-Mobil »Philhmo«. Doch das allein reicht nicht. »Wir brauchen mehr Mitglieder im Freundeskreis der Philharmonie, wir brauchen mehr Zustifter für die WPR-Stiftung, wir brauchen mehr Mitglieder im Club der 100«, sagt Grube. Der »Club der 100« sieht dabei vor, dass Unternehmen aus der Region jährlich 1.000 Euro zuschießen. Mit 100 Mitgliedern käme eine Fördersumme von 100.000 Euro heraus. Derzeit zählt man immerhin 20 Mitglieder, das soll ausgebaut werden. (GEA)