REUTLINGEN. Die Drucktechnik der Radierung hat etwas Geheimnisvolles, fast wirkt sie wie Alchemie: Mit Säure muss dafür geätzt werden, die Druckplatte mit allerlei Zutaten überzogen; am Ende wirkt das Resultat wie Zauberei. Welche Bandbreite so zu erzielen ist, lässt sich bis 17. Januar im Ausstellungseck im 2. Obergeschoss der Reutlinger Stadtbibliothek überprüfen. Dort zeigen die Mitglieder der Radierwerkstatt ihre Arbeiten unter dem Titel »Fragmente«.
Es zeigt sich: Die Radierkunst erblüht unter den Händen der erstaunlich vielen Mitstreiter. Und sie erstrahlt in leuchtenden Farben. Das Grafisch-Strenge, das die Radierung von alters her prägt, gibt es dabei durchaus auch. Etwa bei Renate Zeeden. Oder in den Baumstudien von Gerburg M. Stein und Christa Rilling. Oder in der »Sterntaler«-Variante von Hannelore Schubert.
Sonnenuntergang am Meer
Erstaunlich oft bringen die Künstler jedoch die Farbe zur Geltung. Doris Zeiner etwa mit einer Komposition gelber, roter und schwarzer Rechtecke. Sue Weber mit einem Sonnenuntergang am Meer in traumhaften Blau- und Orangetönen. Gebhard Geiger mit einem »Herbstzauber« in warmem Braun, Grün und Gelb.
Die technischen »Zaubertricks« gehören bei der Radierung unbedingt dazu. Auch dass man immer nur halb oder auch gar nicht durchschaut, was da eigentlich passiert ist. Wie zum Beispiel hat Peter Magiera die Struktur einer Langspielplatte aufs Papier gebracht? Raffiniert verfremdet er die Form so, dass die Platte noch durchscheint, sich aber eben in etwas anderes verwandelt. Und wie merkwürdig sich bei Renate Quast Druckgrafik und Fotografie durchdringen, sodass das Auge beide nicht mehr auseinanderbringt.
Relief von Pflanzenfasern
Eine eigentümliche Strategie verfolgt Gerburg M. Stein mit ihren Pflanzendrucken. Fast mehr als die Farbe, die Stängel und Blätter auf dem Papier hinterlassen, sind es die reliefartigen Einprägungen der Pflanzenfasern, die das Werk ausmachen.
Schließlich ist bei so einer Sammelschau immer auch der Kontrast an Stilistiken der Reiz. Abstraktes findet sich da neben den jugendstilartig flächigen, ornamental-erotischen Frauengestalten von Marlene Neumann. Cartoonartig-Gewitztes wie Hannelore Schuberts »Gurkentruppe« neben Xenia Muscats Paraphrase auf Leonardos »Dame mit dem Hermelin«. Naturhaftes wie Helga Bernreuthers Meeresschnecken neben Technoidem. Nicht eine Welt, sondern viele tun sich hier auf. Und warten auf Zuschauer, um in sie einzutauchen. (GEA)




