HAMBURG. Sie steht auf der Bühne, in einem Kleid, das gemacht ist wie aus Pollen, eine lebende Blume, gehüllt in Licht. Immer wieder schieben sich Gazevorhänge vor die Szene, in der Björk singt in der Barclays-Arena in Hamburg. Sie werden zu Projektionsflächen, auf denen Pflanzen sich entfalten, Kleinstlebewesen tanzen, Flechten sich ausbreiten: Ein Blick durchs Mikroskop, durchs Teleskop, hinein in die Pilzgeflechte der Seele und auf unablässig sich verzweigende Welten.
Füllhorn aus Musik und Bildern
Cornucopia ist Englisch, abgeleitet vom Lateinischen, heißt Füllhorn, mythologisches Symbol für Fruchtbarkeit, Überfluss, Glück. Ein Füllhorn schüttet Björk aus über ihren Zuschauern auf ihrer »Cornucopia«-Tour, mit vielen Begleitmusikern, Orchester, Chor, einer großen Anzahl an Künstlern, die beteiligt waren am Bühnendesign, Kostümen, Musik. Die Tour startete bereits 2019, noch ehe ihr aktuelles Album »Fossora« erschien – der Titel ist wiederum abgeleitet aus dem Lateinischen: die Grabende. »Fossora« thematisiert Björks Trauer um ihre Mutter, »Utopia«, das Vorgängeralbum, das Paradies geglückter Beziehungen. In Deutschland gibt Björk 2023 nur zwei Konzerte, mit reduzierter Besetzung: Dabei sind das Flötenseptett Viibra, die Harfenistin Katie Buckley, der Percussionist Manu Delago und, an Keyboards und anderen Instrumenten, Bergur Þórisson, musikalischer Leiter der Show.
Die Setlist besteht vornehmlich aus Stücken vom Album »Utopia«. Noch vor Beginn des Konzertes liegt der Klang von Vogelstimmen in der Luft. »Vulnicura«, Album des Jahres 2015, ist mit nur zwei Titeln vertreten, »Fossora« ebenso, und wenige Stücke aus dem Repertoire der Hits, die Björk im Laufe der Jahre lieferte, sind mit dabei. »Venus as a Boy« von ihrem Debüt 1993 löst sich hier nahezu auf im Klang der Flöten. »Isobel« von 1995 ist die Hymne, die das Publikum mit sich reißt.
In 30 Jahren hat sich Björks Musik verändert, hat nicht nur Pop, Rock, Folk, House und Techno absorbiert, sondern auch klassische Einflüsse, Avantgarde. Sie ist zum Gesamtkunstwerk geworden, zum endlosen Fluss mäandernder Melodien, gesungen von Björks unverwechselbar Sopranstimme. »Cornucopia« ist ein Erlebnis, das ebenso berauscht, wie es von einer spürbaren Distanz geprägt ist. Björk spielt hier den kalten Klang elektronischer Rhythmik, mitunter gesteigert zur Kakofonie, gegen die Wärme des atmenden Flötenklangs aus. Das Ensemble Viibra bestimmt die Show so sehr wie die Sängerin. Die sieben Musiker und Musikerinnen sind in feenhafte Kostüme gekleidet, posieren mit ihren Bass- und Baritonflöten wie heidnische Geister, die auf einer Lichtung tanzen. Bergur Þórisson musiziert, indem er Wasser in Schalen schüttet, die Flötisten lassen leuchtende Klangschläuche kreisen.
Ständchen für die Waldfee
Paganistische Motive finden sich bei Björk schonfrüh; ihr Füllhorn, das wird klar, wenn sie ein Interview mit Greta Thunberg einspielen lässt, ist die Erde. Ihre Show wirkt wie ein biochemischer Sommernachtstraum des 21. Jahrhunderts. Zuletzt fällt die Anspannung, und Björk, die ein Kostüm trägt, das nur ihr Gesicht unbedeckt lässt, bedankt sich herzlich bei ihren Fans. Sie bringen ihr, ein Ständchen - denn eines der letzten großen Wunderwesen der populären Musik feiert am Abend des Konzertes seinen 58. Geburtstag. (GEA)



