Logo
Aktuell Theater

Die Liebe als Salat und Soße

»Der Ursprung der Liebe« am Jungen LTT

Inga Jebens. Foto: Tobias Metz
Inga Jebens.
Foto: Tobias Metz

TÜBINGEN. Sie schaut ihr Publikum an, im oberen Saal des Landestheaters Tübingen, sie sagt: »Ich schätze mal, dass alle hier wissen, wer Charles und Diana waren.« Charles und Diana waren ein Traumpaar und doch keines, Diana starb tragisch.

Charles und Diana bleiben nicht das einzige Paar, das Insa Jebens am Freitagabend herbeizitiert. Jebens, geboren in Niedersachsen, als Diana schon Lady war, hat einen Bestseller gelesen: »Der Ursprung der Liebe«, verfasst und gezeichnet von der schwedischen Comicautorin Liv Strömquist. Strömquist, die zuvor mit ihrem Buch »Der Ursprung der Welt« die Geschichte des weiblichen Geschlechtes als Organ erzählte, erzählt in diesem viel übersetzten Buch die Geschichte der Paarbeziehung. Erzählt davon, was die Gesellschaft von der Liebe hält, weshalb sie was für Liebe hält, und dass sie auch anderes für Liebe halten könnte, wenn sie denn wollte.

Ein Hauch von VHS-Kurs

Es geht um Geschlechterrollen in dieser Inszenierung, die ihre Premiere am Internationalen Frauentag 2019 feiert. »Ein Gefühlsabend«, nennt Inga Jebens ihr Stück im Untertitel. Ein Abend auch, der die Verhältnisse um die Liebe auf humorvolle Weise in Bewegung bringt. Jebens tritt auf in blauem Poloshirt roten Sneakern, sitzt an einem blauen Tisch gleich neben einer Leinwand. Das Publikum fühlt sich ein wenig in die Volkshochschule versetzt, ins Kabarett; die schauspielerischen Qualitäten der Referentin jedoch beflügeln den Vortrag. Sie beherrscht den erleuchteten Gesichtsausdruck, sie strahlt bis in die Haarspitzen, wenn Erkenntnis dämmert, sie spielt mit Puppen.

Allerlei Stereotypen heißt sie so auf ihrem Tisch willkommen. Eine breit gestreute Musikauswahl unterstreicht, wie sehr die Klischees der Liebe dem Menschen medial sein Leben lang folgen: Lynn Anderson singt »Stand by your man«, Whitney Houston singt »I will always love you«, Bryan Adams singt »You belong to me« – und so weiter.

Die Songs werden begleitet von Bildern und Emojis, die auch mal böse gucken können, je nachdem, in welcher Gesellschaftsform gerade geliebt wird. »Frau: Ich war mit jemandem im Bett, bevor wir zusammen waren. Mann: Na und. Interessiert ihn nicht. Frau: Ich war mit jemandem im Bett, seit wir zusammen sind. Mann: Total von der Rolle.« Anderswo, da ist das anders. In Tibet zum Beispiel. Da kann eine Frau vier Brüdern gehören, und keiner der Brüder regt sich auf. Aber: »Wenn sie sagen würde, zum Beispiel: Ich war mit deinem Arbeitskollegen im Bett …« Alarm!

Rollen und Besitzansprüche

Kronzeuge der gesellschaftlichen Relativität in Liebesdingen ist an diesem Abend der US-Soziologe Randall Collins. Einer der Zeugen der männlich fest formierten Welt und des »sexuellen Eigentumsrechts« ist Ronald Reagan, ehemals Schauspieler und Präsident.

Rollenverteilungen, Besitzansprüche – sie sind alt, die Liebe dagegen ist jung. Insa Jebens erklärt: »Bevor von Liebe die Rede war, war klar: Ehe und sexuelles Eigentumsrecht gehören zusammen. Dann wurden Ehen auf einmal aus Liebe geschlossen. Daraus wurde gefolgert, Ehe und Liebe gehören zusammen. Daraus wurde gefolgert: Liebe und sexuelles Eigentumsrecht gehören zusammen. Das ist der Salat, in dem wir heute leben.«

Liv Strömquist – und mit ihr Jebens – fordert dazu auf, all das ein bisschen entspannter zu sehen. So locker und clownesk die Schauspielerin Strömquists Comic auf die Bühne bringt – Jebens weiß natürlich, dass die Sache ernst ist. Eine Vergewaltigung in der Ehe, auch daran erinnert sie ihre Zuschauerinnen und Zuschauer im LTT, gilt in Deutschland erst seit 1997 als Straftat. Weitere Aufführungen sind am 21. März, am 3. und 4. April sowie am 25. Mai. (GEA)