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Die Gitarrennacht im Reutlinger Spitalhofsaal führt in drei Musikwelten

Klassik, Fingerstyle, Flamenco: Die Gitarrennacht im Reutlinger Spitalhofsaal führte in drei sehr unterschiedliche Musikwelten. Am Ende wurde sogar getanzt.

Die Flamenco-Gitarre verbindet sich mit Perkussion und Tanz: (von links) Ricardo Espinosa, Philip Reinhardt, Annette Brenner und
Die Flamenco-Gitarre verbindet sich mit Perkussion und Tanz: (von links) Ricardo Espinosa, Philip Reinhardt, Annette Brenner und José Torredonjimeno. Foto: Armin Knauer
Die Flamenco-Gitarre verbindet sich mit Perkussion und Tanz: (von links) Ricardo Espinosa, Philip Reinhardt, Annette Brenner und José Torredonjimeno.
Foto: Armin Knauer

REUTLINGEN. Die Kontraste sind es, die den Reiz der von Katrin Klingeberg, Sebastián Montes und Jacq Dorn organisierten Reutlinger Gitarrennächte ausmachen. Und an Kontrasten war kein Mangel in der 14. Ausgabe, die am Samstagabend im gut gefüllten Spitalhofsaal über die Bühne ging. Drei Teile, drei Saitenkünstler, drei Musikwelten: Nacheinander taucht man ein in den durchsichtigen Feinschliff klassischer Gitarrenkunst, die treibende Energie des Fingerstyle-Spiels und die Verbindung von Eros und Klage im Flamenco.

Klassisch durch die Zeiten

Aber bevor auch noch zwei Tänzer die Bühne zum Beben bringen, ein Perkussionist zum flammenden Sänger wird, ist erst einmal die klassische Gitarre gefragt. Der junge Brite Torrin Williams, mittlerweile in Österreich ansässig, bietet sie in Vollendung. Im August hat er den Wettbewerb der Nürtinger Gitarrenfestspiele gewonnen, auch diese vom Reutlinger Gitarristenpaar Klingeberg und Montes kuratiert. Als Preis lockte unter anderem der Auftritt in Reutlingen.

Die Welt der Klassik erkundet der Brite Torrin Williams bei der Reutlinger Gitarrennacht.
Die Welt der Klassik erkundet der Brite Torrin Williams bei der Reutlinger Gitarrennacht. Foto: Armin Knauer
Die Welt der Klassik erkundet der Brite Torrin Williams bei der Reutlinger Gitarrennacht.
Foto: Armin Knauer

Die Chance lässt sich der Neuösterreicher aus London nicht entgehen. Fabelhaft seine Musikalität und klangliche Feinarbeit auf den Saiten. Feinfühlig ausgesungene Melodien, raffinierte Klangfarbenwechsel, sonore Bässe, warm strömendes Legato, leichtfüßig sprudelnde Stakkati: Alles wirkt mühelos bei ihm, entspannt, unangestrengt, selbst rasendes Figurenwerk.

In Fernando Sors Variationen über eine Melodie aus Mozarts »Zauberflöte« – wenn nicht alles täuscht die berühmte »Bildnisarie« – entfaltet der Gitarrist ein wunderbar durchsichtiges Klangbild. In Mario Castelnuovo-Tedescos Suite »Durch die Jahrhunderte« schlägt er charmant den Bogen von frühbarocker Chaconne-Feierlichkeit, über fließendes Linienspiel im Stile Bachs bis hin zu einem verträumten Walzer und hüpfender Foxtrott-Gaudi. Ehe eine Hommage an die Kathedrale von Montevideo des aus Paraguay stammenden Agustín Barrios den Reigen beschließt, in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht, aus dem kraftvolle Choralklänge erblühen.

Fingerstyle-Energetik

Nächster Teil, nächste Welt: Mit Peter Finger sind wir im Kosmos der Fingerstyle-Gitarre gelandet. Hier verbinden sich Elemente aus Klassik, Rock und Blues; das Rock-übliche Plektrum ist durch Zupfaufsätze an den Fingern ersetzt. Die Stilistik wird dadurch enorm geweitet. Der Osnabrücker Peter Finger ist Deutschlands Guru in diesem Milieu und packt die halbe Welt in sein Spiel, in dem die rhythmische Energie so wichtig ist wie die Melodik.

Fingerstyle-Ikone Peter Finger plaudert aus dem Nähkästchen.
Fingerstyle-Ikone Peter Finger plaudert aus dem Nähkästchen. Foto: Armin Knauer
Fingerstyle-Ikone Peter Finger plaudert aus dem Nähkästchen.
Foto: Armin Knauer

Die erste seiner Eigenkompositionen findet aus ruhiger Folkballadenstimmung zu einem rockigen Groove. Dann geht's in brasilianische Gefilde mit lässigem Bossa-Nova-Wippen, zwischendurch witzigen Flageolett-Effekten. Gleich darauf finden wir uns in Afrika wieder und die Gitarre wird unter Fingers Händen vollends zum Perkussionsgerät, mit klirrenden Akkorden, tänzerisch trippelnden Stakkati. Doch schon geht's weiter nach Taiwan, wo eine Seemannsbraut am Hafen den Geliebten ersehnt – ja, er kann auch zärtlich und gefühlvoll, der Herr Finger. Um in »Get away« doch wieder abzurocken. Als Zugabe verneigt er sich vor Chet Atkins, dem US-Meister der Country-Gitarre, mit irrwitzigem Laufwerk über den typischen »Bumm-Tschick«-Bässen.

Flamencofieber mit Tanzpaar

Und dann bricht der Flamenco los, mit dem Local Heroe Philip Reinhardt, der an der Musikschule Reutlingen angefangen hat. Eigentlich ist er auf die Begleitung von Tanz und Gesang spezialisiert, aber hier beginnt er ganz allein, tastet sich mit rhapsodischen Figuren in diese Klangwelt aus Eros, Stolz und Wehmut vor, mit wuchtigen Bässen, herben Harmonien, scharfen Schlagakkorden, dazwischen sanftes Gekräusel voller Wehmut.

Am Ende tritt der Gitarrist in den Hintergrund: Philip Reinhardt begleitet die Tänzer Annette Brenner und José Torredonjimeno.
Am Ende tritt der Gitarrist in den Hintergrund: Philip Reinhardt begleitet die Tänzer Annette Brenner und José Torredonjimeno. Foto: Armin Knauer
Am Ende tritt der Gitarrist in den Hintergrund: Philip Reinhardt begleitet die Tänzer Annette Brenner und José Torredonjimeno.
Foto: Armin Knauer

Doch dann tönt der Puls der Cajón, denn Reinhardt hat sich den Perkussionisten Ricardo Espinosa mitgebracht. Auch Annette Brenner gesellt sich dazu, klatscht, beginnt zu tanzen, aus dem Publikum tritt Tänzer José Torredonjimeno dazu. Perkussionist Espinosa wird zusätzlich zum Sänger, klagt mit flammender Stimme, das Tanzpaar wirft die Arme durch die Luft, verkörpert Eleganz und Feuer des Südens.

Die Gitarre tritt zurück, wird ganz Rhythmus und Farbe. Philip Reinhardt fühlt sich sichtlich wohl in dieser Rolle, lässt den Klang mit gelöster Grazie in den Raum strömen, während sich Tänzer und Tänzerin umkreisen und die Rufe des Perkussionisten die Luft durchschneiden. Ein mitreißender Ausklang – mehr Flamenco gibt's am 29. Mai im Glemser Hirsch. (GEA)