STUTTGART. 35 Jahre ist es her, dass die fränkische Band Fiddler's Green beim Erlanger Newcomer-Festival die Bühne erklommen und aus dem Stand heraus den zweiten Preis abgeräumt hat. Es war der Beginn einer internationalen Karriere, die bis heute andauert. Von der Anfangs-Formation sind noch Sänger Ralf »Albi« Albers und Bassist Rainer Schulz dabei. 1991 kam Stefan Klug dazu, der nicht nur auf dem Akkordeon Geschwindigkeitsrekorde aufstellt, sondern auch der Rahmentrommel Bodhrán passende Klänge entlockt. Fester Bestandteil sind seit vielen Jahren zudem Geiger Tobias Heindl, Schlagzeuger Frank Jooss und Gitarrist/Sänger Patrick »Pat« Prziwara. Seit Mitte November sind sie auf Jubiläumstour, die am Sonntag auch in Stuttgart Station gemacht hat.
Der Sänger der Vorband Wüstenberg witzelte noch, dass 35 Jahre eine ganz schön lange Zeit sei – kommen die Folkrocker da nicht langsam in die Jahre? I wo: Von Altersmüdigkeit war im LKA nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. »Speedfolk« nennen die sechs »Jungs« ihren Stil, das trifft es ziemlich gut. Denn Vollgas geben sie von Anfang an; sie tanzen, singen, trommeln, fiedeln und klampfen, was das Zeug hält. Irische Jigs und Traditionals wechseln sich mit eigenen Kompositionen ab, ebenso werden die Instrumente ausgetauscht: Vom Schifferklavier zur Trommel, vom Banjo zur Gitarre zur irischen Bouzouki.
Abfeiern und die überschüssigen Kalorien von Weihnachtsgans und Gutsle verbrennen stand zwei volle Stunden auf dem Programm. Alle sechs Fiddler zeigen, was sie auch nach 35 Bühnenjahren noch draufhaben, und sie fordern auch ihr Publikum. Ab in die Hocke, heißt es gleich am Anfang (ganz schön anstrengend auf der gut gefüllten Tanzfläche), um dann auf ein Fingerschnipsen von Albi nach oben zu hüpfen und Pogo zu tanzen. Der Schweiß trieft, nicht nur bei den Musikern, sondern auch beim Publikum, die Stimmung kocht.
Mitten drin im Publikum – und darüber
Das Publikum ist altersmäßig heterogen: Fans der ersten Stunde tummeln sich neben jungen Rockern, Männer mit Vollbart und dem Aussehen eines irischen Fischers feiern ausgelassen neben jungen Damen im knappen Schottenrock. Publikumsnah sind Fiddler's Green auch: Mitten drin in der Halle wird eine Leiter platziert, auf der Geiger Heindl fiedelt wie der Teufelsgeiger höchstselbst, aber auch Sänger Albi erklimmt sie. Alle Musiker ziehen mit ihren Instrumenten durchs Publikum, näher geht's nicht.
Witzig sein können sie auch: Eine riesige Drehorgel wird auf die Bühne geschoben, ein Bierfass wird zum Percussion-Instrument, und als pfiffiger Höhepunkt nehmen die Bandmitglieder an einer Theke Platz und musizieren mit Würfelbechern, die weitergeworfen werden – ganz in grün und mit ebenfalls grünen Brillen auf der Nase. Ja, die grüne, irische Insel. Stilistisch glänzt die Vielfalt: vom Sauflied über den Nonsens-Song mit acht Strophen ohne Inhalt bis zum melancholischen Folk-Titel reicht das Spektrum.
Ohne Zugaben lassen die Fans die Band freilich nicht von dannen ziehen, wobei diese verdient sein wollen. Frank Jooss tritt hinter seinem Schlagzeug hervor, wird zum »Folk-Tester«, der entscheidet, ob das Publikum ordentlich mitgemacht hat. Hat es natürlich. Und so folgt Zugabe auf Zugabe auf Zugabe. Langsam alt? Nein, das kann man Fiddler's Green wahrlich nicht nachsagen. (GEA)




