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Dichtes Psychogramm: Reutlinger Kammeroper zeigt »Vincent van Gogh«

Dicht und fesselnd zeichnet die Reutlinger Kammeroper in »Briefe des Vincent van Gogh« den Weg eines Mannes zu künstlerischer Bestimmung und psychischem Zusammenbruch. Nur eines hat an diesem Abend nicht gepasst.

Künstler zwischen Euphorie und Wahn: Hans Porten als Vincent van Gogh.
Künstler zwischen Euphorie und Wahn: Hans Porten als Vincent van Gogh. Foto: Armin Knauer
Künstler zwischen Euphorie und Wahn: Hans Porten als Vincent van Gogh.
Foto: Armin Knauer

REUTLINGEN. Bedauerlich, dass nur so wenige Zuschauer am Sonntagabend den Weg in den Reutlinger Georgensaal fanden, denn hier ereignete sich Außerordentliches. Der noch junge Sänger Hans Porten hatte sich die enorme Partitur von Grigori Frids Einpersonen-Musiktheater »Briefe des Vincent van Gogh« draufgeschafft. 70 Minuten lang verköpert Porten den Künstler auf dem Weg zu künstlerischer Bestimmung und psychischem Zusammenbruch. Singt sich mit samtweich schwebendem Bariton durch die verträumten Passagen, lässt seine Stimme hart werden, wenn die Alpträume den Künstler heimsuchen, lotet zartes Sehnen und dunkle Verzweiflung aus. Er verschmilzt mit seiner Figur.

Aufführungsinfo

Eine weitere Aufführung ist an diesem Mittwoch, 3. Dezember, um 19 Uhr im Sudhaus Tübingen. (GEA)
www.sudhaus-tuebingen.de

Das 1975 entstandene Stück hat der Russe Grigori Frid (1915–2012) aus Briefpassagen van Goghs an seinen Bruder Theo zusammengestellt. Theo war für Vincent Geldgeber, Beichtvater, Trostspender, Freund und Tagebuch in einem. Ihm legt er schreibend sein Innerstes offen – und damit hier dem Publikum. Das eintaucht in ein Wechselbad der Gefühle. Schaffensrausch wechselt mit Verzweiflung und Wahn. Van Gogh hatte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit durch seine Kontakte mit Prostituierten mit Syphilis angesteckt. Was die zunehmend heftigeren Stimmungsschwankungen, die Fieberschübe, Wahrnehmungsverzerrungen, Depressionen und Suizidgedanken erklärt.

Ankunft in der Großstadt

Anfangs erlebt man van Gogh als unsicheren jungen Mann, der sich nach seiner Ankunft in Paris verloren fühlt. Der mit seiner Kunst ringt und Halt sucht bei seinem Bruder. Und bei einer Gefährtin, die sich und ihre Familie mit Prostitution über Wasser hält. Ringt er anfangs mit Geldnot und dem Unverständnis seiner Umwelt, so später zunehmend mit inneren Dämonen.

Der Künstler im Schaffensrausch: Hans Porten als Vincent van Gogh.
Der Künstler im Schaffensrausch: Hans Porten als Vincent van Gogh. Foto: Armin Knauer
Der Künstler im Schaffensrausch: Hans Porten als Vincent van Gogh.
Foto: Armin Knauer

Auf der Bühne sieht man ein zerbrochenes Sprossenfenster, Tisch, Stuhl, Staffelei, einen Hocker mit einem Kasten voller Malutensilien. Die kargen Zimmer, in denen van Gogh hauste, sind so angedeutet, seine Suche nach einem Zuhause, das er nie fand. Im Hintergrund ein Sternenhimmel aus LED-Lämpchen auf schwarzem Tuch mit den Sternbilder Orion und Kassiopeia und den Plejaden. Immer wieder taucht der Nachthimmel in van Goghs Briefen auf, als Ort, zu dem er flieht, wenn er von Unruhe geplagt wird.

Feinnerviges Klanggewebe

Auf der Bühne auch die Musiker: Pianistin Nao Ueda mit dem weitaus größten Part. Dazu Thomas Löffler an der Klarinette und Dietmar Gräther am Kontrabass, die Farben einfließen lassen, rhythmische Akzente setzen. Frids atonale Musik verklanglicht feinnervig die Stimmungen des Protagonisten, mit melodisch anschmiegsamen Ruhepolen, mit aufwühlenden Spreizklängen oder fahl lastender Depression. Oft pocht diese Musik, teils mit Klopfen auf den Klavierkorpus, schreitet unerbittlich voran, macht den Künstler zum Getriebenen.

Arbeit im Skizzenbuch: Hans Porten in »Briefe des Vincent van Gogh«.
Arbeit im Skizzenbuch: Hans Porten in »Briefe des Vincent van Gogh«. Foto: Armin Knauer
Arbeit im Skizzenbuch: Hans Porten in »Briefe des Vincent van Gogh«.
Foto: Armin Knauer

In der Regie von Winni Victor unterstreicht die Lichtführung (Technik: Jakobus Stützel) die Gegensätze. Rötlich schimmert die Szenerie, wenn der Schaffensrausch den Maler erhitzt; bleich und kalt ist die Bühne ausgeleuchtet, wenn er in Verzweiflung stürzt. Die äußere Aktion ist reduziert: Man sieht den Maler grübelnd am Tisch, voller Euphorie an der Bühnenkante, mit der Palette an der Leinwand. Das Eigentliche spielt sich im Inneren ab, formuliert in den bekenntnishaften Brieftexten.

Vorbildlich textverständlich

Die singt Bariton Porten bewundernswert textverständlich, jedes Wort steht klar im Raum. Die Emotionalität von Frids Vokalpart lotet er bestechend aus. Der von Bagdasar Khachikyan auf drei Instrumente reduzierte Instrumentalpart steigert die emotionale Färbung noch. Zwar hätte das im Original vorgesehene Kammerorchester mehr Farben, doch die Konzentration auf Klavier, Kontrabass und Klavier schafft eine Intimität, die den Protagonisten noch näher bringt. Die drei Musiker gestalten das fesselnd, geben Episoden des Wahns etwas Grelles, tauchen Momente der Ruhe in sanftes Wiegen, bringen Phasen der Hochstimmung fast walzernd zum Schwingen.

Zusammen ergibt das ein Musiktheater als packendes Psychogramm eines Malers, der die Kunst neu erfindet und sich darüber selbst verliert. Manches erinnert an Alban Bergs »Wozzeck« – doch hier geht es um einen realen Menschen, der das wirklich erlebt hat. Und dieser Mensch wird hier enorm greifbar. (GEA)