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Der Wille zum Mut: »Der rote Wal« an der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt

Mit »Der rote Wal« von Vivan und Ketan Bhatti bringt die Stuttgarter Staatsoper eine Reflexion über die RAF als Uraufführung auf die Bühne. Das Libretto des Musiktheaterhybrids aus Oper, Musical und Hip-Hop stammt vom Kornwestheimer Rapper Maeckes, der auch selbst mitspielt. Das junge Premierenpublikum zeigte sich begeistert.

Jasper Leever, Deborah Saffery und Yunus Schahinger (von links) als Leviathane in »Der rote Wal«.
Jasper Leever, Deborah Saffery und Yunus Schahinger (von links) als Leviathane in »Der rote Wal«. Foto: Matthias Baus
Jasper Leever, Deborah Saffery und Yunus Schahinger (von links) als Leviathane in »Der rote Wal«.
Foto: Matthias Baus

STUTTGART. Die Fallhöhe ist beträchtlich. Kaum etwas hat die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft stärker polarisiert als die »Rote Armee Fraktion«, die unter dem Emblem RAF seit Anfang der Siebzigerjahre theorieunterfütterten Terror verbreitete. Selten war ein kollektives Trauma so deutlich spürbar wie 1977 in jenem »Deutschen Herbst«, der mit der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine »Landshut« begann und im kollektiven Selbstmord der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Terroristen sowie der Ermordung Schleyers kulminierte. Im eigens errichteten »Mehrzweckgebäude« hat man Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe, der »Ersten Generation« der RAF, zwischen 1975 und 1977 vor den Toren der Landeshauptstadt einen der größten Prozesse der deutschen Geschichte gemacht. Auch die Toten dieser letzten Runde der Eskalation liegen auf Stuttgarter Friedhöfen begraben.

50 Jahre nach Prozessbeginn nimmt die dortige Staatsoper sich nun der Sache an und bringt mit »Der rote Wal« mit Musik von Vivan und Ketan Bhatti auf einen Text von Markus Winter (alias Maeckes) »Ein deutsches Herbstmärchen« als Uraufführung auf die Bühne des Littmann-Baus. Die Ankündigung verspricht einen Mix aus Oper, Musical und Rap, die Handlung klingt nicht weniger abenteuerlich: Ein Orca-Kalb geht in den Widerstand, trifft auf zwei führende Aktivisten der linksextremen Stadtguerilla und gerät schließlich zwischen die Fronten. Genau genommen handelt es sich um den zweiten Anlauf: Bereits mit der Beauftragung von Bernhard Lang und Frank Witzel, der für den Roman »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, hatte Staatsopernintendant Viktor Schoner das Ziel einer Stammheim- oder RAF-Oper verfolgt, doch Witzel verweigerte sich der Wiederholung und verlagerte das Thema des Dissens mit »Dora« als Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft auf unspezifischeres, allgemeineres Terrain.

Zeit- und Realitätsebenensprünge

Selten hat man einer Weltpremiere des hochgeschätzten Hauses mit gemischteren Gefühlen und bangen Fragen entgegengesehen: Klingt das konzeptionell nicht heillos überfrachtet? Würde das hehre Anliegen nicht unter der tonnenschweren Last der Ambitionen – sich mit einer zeitgenössischen Reflexion über die unmittelbar in der Lokalgeschichte verankerten, zum Mythos gewordenen, nach wie vor kontrovers diskutierten Ereignisse gegen bequeme Geschichtsvergessenheit und konservativen Konformismus zu positionieren – kollabieren? Kurzum: Wie lassen sich die Klippen der Mutwilligkeit umschiffen? Die Stuttgarter Antwort ist überraschend einfach, grenzt im Ergebnis jedoch an ein Wunder: Sie wird rehabilitiert, indem man beide Bestandteile des Begriffs ernst nimmt und positiv besetzt: »Der rote Wal« zeigt tatsächlich reichlich Willen zum Mut und – den Tüchtigen hilft das Glück – wird dafür belohnt: Nahezu jedes Wagnis, jedes Risiko, das Martin G. Bergers Regie eingeht, zahlt sich aus. Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl nutzt so unideologisch wie selektiv alle Mittel der Technik – vom Barocktheater bis zur mediengestützten Inszenierung der Gegenwart –, die Kostüme von Alexander Djurkov Hotter gehen Zeit- und Realitätsebenensprünge entsprechend mit.

Protagonistin Isi (Madina Frey, die am Apollo Theater in Stuttgart-Möhringen bereits als Tina Turner zu sehen war, gibt bei ihrem Staatsopern-Debüt eine ausgezeichnete Visitenkarte als vokal wie szenisch ausdrucksstarke Singdarstellerin ab) besucht mit ihrer Klasse eine Theateraufführung über die RAF. Die Live-Übertragung (Video: Vincent Stefan) aus dem Foyer des Opernhauses zeigt, wie sie, nachdem sie wegen ihres Palästinenserschals von der Polizei kontrolliert wurde, wutschnaubend (»A-C-A-B«: Abkürzung für »All Cops Are Bastards«, auf Deutsch ungefähr »Alle Bullen sind Schweine«) einläuft und mit ihrem Kumpel Pip (der Stuttgarter Rapper Baron) erstmal einen Joint raucht, um runterzukommen. Im blauen Dunst der Zwischenwelt versinkt ihr Bewusstsein in einer »Walschule«, verwandelt sie sich in Gladis Blanca, ein Schwertwalkalb, das mehrfach von Schiffen verletzt wurde und nun auf Rache sinnt: Sie will kaputt machen, was sie kaputt macht – »das größte ihrer Boote finden« und ihm »in die Quere kommen«. Der Tech-Billiardär Lone (Maeckes: in der Performance etwas blasser als sein vielschichtiges, anspielungsreiches, zuweilen auch hochironisches Libretto), der in einer Tauchkapsel unter der Meeresoberfläche haust und nicht nur anhand des Anagramms leicht als Elon-Musk-Karikatur zu dechiffrieren ist, verhilft ihr für 24 Stunden zu menschlicher Gestalt. Doch scheitert Gladis mit ihrer Vendetta, darf er eine ihrer Flossen als Lohn behalten: »Deal?«

Aufführungsinfo

Weitere Aufführungen am 22. und 29. Juni sowie im Juli, Dezember und im Januar 2026. Näheres unter www.staatsoper-stuttgart.de. (GEA)

Immer wieder wird der Stuttgarter Mut-Wille zum Wut-Wille, etwa in Gladis‘ großer »Rache«-Arie in der dritten Szene des 1. Akts, am prägnantesten jedoch in der großen Chorszene »Water« zu Beginn des 2. Akts, in der die Ereignisse der als »Schwarzer Donnerstag« in die Stadtgeschichte eingegangenen Demonstration gegen das Bahnhofsgroßprojekt Stuttgart 21 – noch so ein polarisierender Protestmoment – wetterleuchtend widerhallen (»Oben bleiben!« skandieren die von Manuel Pujol einstudierten Staatsopernchoristen) und die zweifelsohne zu den packendsten Passagen in der Oper der Bhatti-Brüder gehört, deren faszinierend fluide und geschmeidig zwischen so verschiedenen Polen wie Antonín Dvoráks »Rusalka«, Alan Menkens Filmmusik zum Disney-Zeichentrickmusical »Arielle, die Meerjungfrau«, Hollywood-Klängen à la Korngold, Brecht/Weill’schem Sprechgesang und auch aus der Prosodie der RAF-Rhetorik – Zuspieler von entsprechendem TV- und Rundfunk-Footage-Material ziehen die historische Ebene ein – entwickeltem Rap-Vortrag oszillierende Partitur bei Marit Strindlund am Pult des motiviert aufspielenden Staatsorchesters in besten Händen ist.

Selbes gilt für den aggressiven Abad von Matthias Klink, in dessen Porträt mühelos Andreas Baader alias Captain Ahab erkannt wird. Die RAF-Terroristen in Stammheim haben ihre Botschaften mittels Herman Melvilles Roman »Moby-Dick« verschlüsselt – was den Urhebern hier als Ursprung eines Brainstorms diente, der verblüffend weit trägt: Über das Stichwort des Leviathans kommt Thomas Hobbes‘ Metapher des staatlichen Gewaltmonopols ins Spiel. Nach der »Dora«-Titelpartie ist die Partie der Ge (= Gudrun Ensslin), als Opernfigur zwischen Erda und Elektra angelegt, eine weitere Paraderolle für Josefin Feiler. Für die Koproduktion von Lang und Witzel wurde der Staatsoper in der renommierten Opernwelt-Kritikerumfrage der Titel »Uraufführung des Jahres« zuerkannt. Ob sich der Coup wiederholen lässt? Das auffällig junge Premierenpublikum zeigt sich jedenfalls einhellig begeistert: Zehn Minuten währt der Beifallssturm für alle Beteiligten. (GEA)