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Der »Türke« darf das: Bülent Ceylan in der Reutlinger Stadthalle

Bülent Ceylan babbelt sich in der Reutlinger Stadthalle energiegeladen durch sein Programm »Yallah Hopp«.

Bülent Ceylan und sein digitaler Zwilling füllen die Reutlinger Stadthalle.
Bülent Ceylan und sein digitaler Zwilling füllen die Reutlinger Stadthalle. Foto: Steffen Becker
Bülent Ceylan und sein digitaler Zwilling füllen die Reutlinger Stadthalle.
Foto: Steffen Becker

REUTLINGEN. Der Hammer kommt zum Schluss. Nein, gemeint ist nicht das Plastik-Teil des tumben Thor. Diese Helden-Slapstick-Figur feuert Comedian Bülent Ceylan inklusive aller schlüpfrigen Wortspiele schon zu Beginn seines Programms ab. Der wahre Hammer ist ein Metal-Lied, das zeigt: Der »Türke« (konstante Eigenbezeichnung) hat nicht nur eine Singstimme mit mehreren Oktaven, sondern kann auch ernste Töne. Zu hartem Bass und Gitarren-Riffs singt er über eine »Rüstung aus Hass«, die ein mal geliebter Mensch ablegen soll, da sie ihn nur selbst erdrückt.

Es ist eine Zugabe – und der einzig starke Hinweis, dass der Ethno-Comedian Bülent Ceylan die aktuelle politische Debattenlage in sein Programm »Yallah Hopp« hat einfließen lassen. Ansonsten macht sich lediglich noch seine Macho-Figur Hassan Sorgen, ob er jetzt noch so rumprollen kann wie bisher. Als sozial unangepasster »Aggro-Türke« könnte man ja leicht auf 'ner Abschuss- vulgo Abschiebeliste landen. Dann lieber das Publikum beruhigen, dass der Talahon-Look mit Fake-Gucci-Umhängetasche nicht dazu da ist, Dominanz auszustrahlen, sondern um die Speck-Röllchen zu kaschieren. Hier und da noch ein paar »Stadtbild«-Anspielungen und Lästereien über deutsche Schüler, deren Sprachschatz zu mehr als der Hälfte aus englischen Wörtern zu bestehen scheint (»Lernt Deutsch, mein Vater hat es doch auch geschafft«). Das war's dann. Den Rest des Abends hat man das Gefühl, als wäre man wieder in den 2000ern angekommen.

Mit Mompfred und Anneliese

Alle Figuren aus der damaligen Zeit feiern auch auf der Reutlinger Bühne Revival: Neben Hassan auch Hausmeister »Mompfred« und die Kurpfälzer Drag-Legende Anneliese (vom Publikum heiß ersehnt). Letztere ist immerhin mit einer TikTok-Werbenummer für ihr Parfum Chanel-Liese in der heutigen Zeit angekommen.

Sonst ist alles wie damals im linearen Fernsehen von Pro7 und RTL: Bülent Ceylan ist die babbelnde Stimmungskanone. Filigran sind die Witze selten. Themen sind die Klassiker Mann-Frau-Dynamik oder Gürtellinie-Kratzer wie die Erzählung über eine in Asien verbreitete Phobie bei Männern, dass sich ihr Penis in den Körper zurückzieht wie das Ventil einer Luftmatratze. Vor allem gibt Bülent Ceylan dem Publikum etwas, was er selbst als »Haustürke« bezeichnet. Der lustige »Kanacke« mit den langen Haaren benutzt in seiner Rolle Ausdrücke, die sich das Publikum im Alltag eher verkneifen würde. Was es womöglich bedauert, womit die Show eine Entlastungsfunktion erfüllt. Ein Dieter Nuhr muss seine Tiraden mit säuerlicher Miene und einer »Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen«-Rhetorik einleiten. Einer wie Ceylan kann einfach mal einen Witz über eine lebensnahe Matheaufgabe raushauen: Wenn zwei Albaner und vier Polen in so und so viel Sekunden ein Auto knacken können, wann ist dann das Stadthallen-Parkhaus leer? Das Publikum brüllt vor Lachen. Umso wichtiger ist die musikalische Klarstellung. Am Schluss, aber immerhin. (GEA)