TÜBINGEN. Es soll ein Holzstapel am Wegesrand gewesen sein, der Gunther Klosinski auf die Idee brachte. Der Stapel war mit Folien abgedeckt, um das Holz vor Nässe zu schützen. Und die Folien bildeten Falten beim Abknicken an den Kanten. Was Klosinski durch den Lichteinfall an Strukturen in der Kunst von Lyonel Feininger erinnerte.
Klosinski griff zur Kamera und hielt Beispiele solcher künstlerisch wirkender Faltungen fest. Er fotografierte Folien auf Holzstapeln, er hielt den Faltenwurf von Netzen, Zeitungsstapeln und Tüchern fest. Selbst im Wüstensand entdeckte der Tübinger, der bis 2010 Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Tübingen war, Phänomene der Faltung.
Überraschende Biegungen
In seinem Buch, das daraus entstand, beschreibt Klosinski selbst, was ihn an den Faltungen interessiert. Die überraschenden Biegungen, die unvorhergesehenen Änderungen im Raum. So wie Klosinski das fotografiert, scheint es fast der Raum selbst zu sein, der sich da in die Kurven legt, sich um Biegungen krümmt.
Zumal Klosinski oft Doppelbelichtungen verwendet. Vordergrund und Hintergrund, Stoff und Landschaft, Fläche und Faltung, all das durchdringt sich dann. Der Lichteinfall tut ein Übriges, um den Eindruck von bloßem profanem Stoff aufzulösen. Stattdessen führt uns Klosinski fotografisch in komplexe Raumphänomene. Hier wölbt es sich auf, dort werden Dinge verschattet oder verdeckt. Hier treten dynamische Kurven hervor, dort tun sich Höhlungen auf.
Ein bemerkenswertes Vergnügen
Zuweilen werden die Stoffe und Folien durchschimmernd und transparent, dann schimmern Wolkenkratzer, Bäume, Horizont oder Sonne durch. Die Falten und die Welt dahinter werden dann eins in einem größeren Gesamtkonzept. Und natürlich klingt in all dem immer auch die Bedeutung des Faltenwurfs in Jahrtausenden der Kunstgeschichte nach.
Klosinski ergänzt das durch kleine Aphorismen, in denen nun Wörter und Sätze sich in Falten legen. In denen die Sprache ihrerseits überraschende Biegungen einschlägt, das Untere zuoberst legt und umgekehrt. »Wer hinterfragt / Wähnt meist / Die Antwort vorab / Gefunden zu haben / Und sucht Bestätigung« heißt eine solche Sentenz.
Bei Klosinskis Faltspielen in Fotografie und Sprache hingegen weiß man vorher nie, was kommt. Man lässt sich einfach in die Turbulenzen von Stoffen und Worten fallen und wird immer wieder von unerwarteten Volten überrascht. Ein bemerkenswertes Vergnügen. (akr)

