STUTTGART. Es beginnt mit einer Melodie, Gitarre, Gesang, einer Triangel, die angeschlagen wird, einem Lied, das kindlich wirkt, verträumt, ein stiller Walzer: »If I’d found the key to your heart, I’d count the days we’re apart«, so geht es. »Wenn ich den Schlüssel zu deinem Herzen finden würde, dann würde ich die Tage zählen, die wir getrennt sind.« Dann denkt eine Stimme laut nach über die Erfindung eines Teekessels, dessen Dampfventil solche Melodien pfeift. Oder Geschichten vorliest, mit der Stimme eines Vaters. Oskar Schell ist es, neun Jahre alt, dem die Stimme gehört, und sein Vater ist verschwunden.
»Extrem laut und unglaublich nah« ist ein Roman des US-Amerikaners Jonathan Safran Foer, erschienen 2005, ins Deutsche übersetzt im selben Jahr noch, 2011 verfilmt mit Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, nominiert für zwei Oskars. Das Schauspiel Stuttgart hat Foers Vorlage in ein Hörspiel verwandelt, live gespielt auf der Bühne, begleitet von Theatermusiker Max Braun.
All die kleinen Kniffe der Geräuscherzeugung, die bei Hörspielen zum Einsatz kommen, sind dabei gut und verblüffend sichtbar. Es ist reizvoll, während dieser Aufführung die Augen manchmal zu schließen, die Geschehnisse als ein rein akustisches Szenario auf sich wirken zu lassen, in den imaginären Raum zu blicken, der durch sie entsteht. Und dann die Augen wieder zu öffnen und sozusagen hinter die Kulissen des Hörspiels zu blicken, auf die Spieler, Sprecher, Musiker, die sich in einer anderen Welt bewegen.
Jonathan Safran Foers Roman erzählt von der Zeit, die auf den Terroranschlag vom 11. September 2001 folgte. Oskar ist neun Jahre alt und hat seinen Vater bei diesem Anschlag verloren. Der Junge, schüchtern zuvor, nun vielleicht autistisch, hat viele Fragen. Er findet einen Schlüssel, den sein Vater hinterlassen hat, mit nichts als einem kleinen Hinweis: »Black« steht auf dem Schild. Oskar will jeden Menschen besuchen, der in New York lebt und Black heißt; er schaut ins Telefonbuch, er beginnt eine Odyssee durch die getroffene Stadt, lernt viele Menschen und ihre Geschichten kennen. Das Trauma des Terrors wird für ihn nach und nach zu einer Erfahrung, die ihm hilft, seine Vereinzelung zu überwinden.
Mit Witz und Gefühl
Bernadette Sonnenbichler hat »Extrem laut und unglaublich nah« bereits im Sommer 2020 für das Schauspiel Stuttgart inszeniert, in einer Zeit, als, kurz nur, Theater, Kultur wieder möglich wurden, der Pandemie zum Trotz. Nun steht das Hör- und Schaustück im Stream des Schauspiels seit Samstagabend, kostenfrei zum Abruf – aber doch mit der Bitte versehen, eine Spende der Künstlersoforthilfe Stuttgart zukommen zu lassen.
Es spielen und sprechen, mit Witz, Verwunderung und lebhaftem Gefühl, Gábor Biedermann, Christiane Roßbach, Michael Stiller und Felix Strobel. Max Braun schrieb die Musik und steht bei ihnen auf der Bühne, gibt der verzauberten menschlichen Suche nach Sinn im Menschenmeer um die Trümmer des World Trade Centers poetischen Fluss.
Die Dinge, die Geräusche entstehen lassen, der Sprache Hörbilder beistellen, sind auf der Bühne verteilt, werden von allen Spielern bedient. Bereit liegen auch kleine Utensilien: Perücken, Hüte, und so weiter. Das Livehörspiel wird eben doch auch ein wenig für das Auge gemacht.
Da saugt der Psychologe an der Pfeife, da setzt sich Michael Stiller eine Kappe auf, wickelt sich Christiane Roßbach in einen Schal und verpasst sich eine Augenklappe. Ein Kissen raschelt, Buchseiten schlagen, eine Schreibmaschine klappert. Die Erzählstimme kreist, wandert, kehrt aber immer wieder zurück zu Felix Strobel, der den Oskar spielt und spricht, neugierig, offen und versponnen in seine Fantasie zugleich, mit einer roten Wollmütze auf dem Kopf. Ein Junge, dem nun niemand mehr erklärt, dass die Erde nicht flach auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte liegt, sondern durch das Weltall fällt, ohne dass dies irgendjemand spürt. (GEA)
STREAMING-INFO
Das Livehörspiel »Extrem laut und unglaublich nah« des Schauspiels Stuttgart in der Regie von Bernadette Sonnenbichler mit Livemusik von Max Braun ist bis 27. März, 19 Uhr, auf der Homepage des Theaters und auf Youtube abrufbar. (GEA)

