REUTLINGEN. Pfarrerin Ursula Heller hat in der Katharinenkirche eine Konzertreihe etabliert. Zwar ist die trockene Akustik für Chöre nicht optimal, doch es ist ihr gelungen, den universitären Kammerchor Concerto vocale Tübingen für einen Auftritt zu gewinnen. 1996 gegründet durch Peter Unterberger, nimmt er ständig neue Studierende auf und hält auch in kleiner Besetzung sein hohes Niveau.
Die Abendandacht »Friede auf Erden« orientiert sich an der Form der Messe: Sie beginnt mit einem »Kyrie« und führt dann über Chorsätze verschiedener Stile sowie ein »Sanctus« von Unterberger selbst zu einem »Agnus Dei« mit Friedensbitte. Das Programm schöpft aus dem reichen christlichen Erbe Europas; vertreten sind auch Russland und Neu-England in den USA.
Barockes »Kyrie«
Den Auftakt bildet ein barockes »Kyrie« von Tomás Luis de Victoria in intensivem, homogenem Klang sowie Brahms‘ Motette »Ach, arme Welt«. Ebenso schlicht und harmonisch erklingt Duruflés »Notre père«. Mehr Kontrast erhält Monteverdis »Adoramus te« gefolgt von Distlers »Verleih uns Frieden«. Mit »O praise the Lord« von Viner und einer Psalmvertonung von Jenks lernt man sehr schlichte englische Laienchorsätze kennen. Aufhorchen lässt ein liturgisches Werk von Tschaikowski (»Cheruvimskaja pesn« Nr. 1), meisterhaft gesetzt und inbrünstig schwingend, kontrastiert durch einen Satz von Herzogenberg.
Das »Sanctus« von Peter Unterberger führt ins Heute: Es gibt den Stimmen die Freiheit, im eigenen Zeitmaß zu schweifen; das Ergebnis ist lebendig bewegte Vielstimmigkeit. Einem ruhigen »Agnus Dei« von Monteverdi folgt als karger Höhepunkt ein Schlüsselwerk der Moderne – ganz ohne Musik: »4‘33« von John Cage. Viereinhalb Minuten stehen die Ausführenden stumm da, öffnen und schließen die Mappen, der Dirigent vollzieht diskrete Gesten, eine Chorsängerin misst Bänke, Klavier und Mitsängerin.
In achtstimmiger Pracht
Umso berührender, wenn der Chor danach wieder zu singen beginnt, in diesem Fall Mendelssohns »Jauchzet dem Herrn, alle Welt« (aus op. 69). Die Leerstelle zuvor macht die Kraft des Chorgesangs viel sinnfälliger, das »Amen« erstrahlt in achtstimmiger Pracht. Die Verbindung der Stile erwächst aus der inneren Haltung und einer schlüssigen Gestaltung. Der junge Chor konzentriert sich auf Wort und Ton in reiner Intonation und natürlichem Gestus; sein Gesang entfaltet sich plastisch und hautnah.
Als Zugaben erklingen »Groß ist der Herr« von Carl Philipp Emanuel Bach sowie als Wiederholung Distlers »Verleih uns Frieden«. Herzlicher Applaus dankt den Ausführenden. (GEA)

