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Das unfassbare reale Grauen: Peter Weiss' »Die Ermittlung« in Stuttgart

Der 1963 in Frankfurt angelaufene Auschwitz-Prozess bewegte heftig die Gemüter in der noch jungen Bundesrepublik. Peter Weiss formte daraus sein auf den Protokollen basierendes Theaterstück »Die Ermittlung«. Wie Burkhard C. Kosminski die Neuinszenierung im Stuttgarter Landtag gelang.

Josephine Köhler verzweifelt als Zeugin im Frankfurter Auschwitz-Prozess an der selbstgefälligen Uneinsichtigkeit der Angeklagte
Josephine Köhler verzweifelt als Zeugin im Frankfurter Auschwitz-Prozess an der selbstgefälligen Uneinsichtigkeit der Angeklagten. Foto: Ingrid Hertfelder
Josephine Köhler verzweifelt als Zeugin im Frankfurter Auschwitz-Prozess an der selbstgefälligen Uneinsichtigkeit der Angeklagten.
Foto: Ingrid Hertfelder

STUTTGART. 1963 konnte im Frankfurter Rathaus der Auschwitz-Prozess beginnen, dank des unermüdlichen Engagements des Hessischen Generalstaatsanwalts und einstigen Tübinger Gymnasiasten Dr. Fritz Bauer. Wie wurde justizintern gegen ihn gemauert. Wie sehr wurde er für seine Haltung angefeindet, dass ein jeder, der damals beteiligt war, zur Verantwortung zu ziehen sei, gleich ob er in der Kleiderkammer oder an der Gaskammer seinen Dienst verrichtet hatte. Unter den vielen Prozessbeobachtern war auch der Autor Peter Weiss, der auf der Grundlage der Protokolle sein Stück »Die Ermittlung« schuf. Welches nun Stuttgarts Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski neu inszeniert hat. Und mit dem Plenarsaal des Stuttgarter Landtags einen Spielort wählte, der an den ursprünglichen Verhandlungsort erinnerte.

Dramaturgin Gwendolyne Melchinger straffte die ursprünglich als »Oratorium in 11 Gesängen« gegliederte Textmenge auf zweieinhalb Stunden in fünf Teilen, was der Form eines klassischen Bürgerlichen Trauerspiels entspricht. Und sinnhaft ist. Denn viele vermeintlich »unbescholtene Bürger« standen ja zum Zeitpunkt des Prozesses wieder inmitten der Gesellschaft. Teils sogar in hohen Positionen der öffentlichen Verwaltung.

Erschütternde Schilderungen

Die künstlerische Herausforderung für den Regie führenden Intendanten war groß. Denn bei der szenischen Realisierung dieses auf Protokollen einer Gerichtsverhandlung beruhenden Stücks sind die Ansatzpunkte für Personenführung aufgrund der prozessualen Form begrenzt. Umso mehr kommt es auf die hochdifferenzierte Ausgestaltung der inneren Befindlichkeiten an, auf Mimik, Gestik oder Stimmfarbe. Und hier behauptete das Schauspiel Stuttgart seinen Rang in der Oberklasse. Wobei es für die acht Akteurinnen und neun Akteure eine immense seelische Belastung sein muss, diese protokollierten Berichte von menschenverachtenden Demütigungen und grausamsten Foltermethoden bis hin zu den 20-minütigen Todesqualen der Vergasungsopfer vorzutragen. Was Celina Rongen erschütternd gelingt.

Sie wie auch andere im Ensemble haben dabei verschiedene Rollen zu spielen. Einige wechseln sogar, durchweg überzeugend, zwischen Angeklagten und Zeugen. Wenn beispielsweise Simon Löcker, uneinsichtig und unbewegt wie alle seine Mitangeklagten, in gemütlichem Sprachtempo erklärt, dass man ihn verwechseln müsse. Auf der anderen Seite aber als betroffener Zeuge angefasst und geradezu hastig berichtet, wie der berüchtigte SS-Mann Boger willkürlich foltern und morden ließ. Was Matthias Leja mit grausamen Details grauenerregend intensiviert. Gabor Biedermann, als Boger lauernd den Zeugenaussagen zuhörend, lächelt hierzu süffisant und bleibt von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt. Andere wollen nichts gesehen haben.

Aufführungsinfo

»Die Ermittlung« wird im Landtag und an weiteren Orten im Stuttgarter Stadtraum gezeigt. Weitere Aufführungen sind am 11. und 12. Oktober, am 7., 8. und 9. November und am 9. Dezember. (GEA)

Josephine Köhler, die gerade noch über die Ankunft an der Rampe, die entwürdigenden Schikanen gegenüber den Gefangenen beim Verrichten der Notdurft oder den Rotkreuzwagen, der das Gas transportierte, berichtet hat, verzweifelt über diese lügenhafte Gleichgültigkeit, die im Schlussplädoyer eines Angeklagten gipfelt: »Wir sollten uns mit anderen Dingen befassen, als mit Vorwürfen, die längst als verjährt angesehen werden müssten.« Umso wichtiger, gerade heute mit der Aufführung dieses Stücks dessen Relevanz deutlich zu machen. Mit seinen Worten, »die uns mahnen, dass unsere Demokratie und die Werte unseres Grundgesetzes die höchsten Güter sind, die wir haben«, wie Landtagspräsidentin Muhterem Aras vor der Premiere sagte. Denn so wie es 1945 keine »Stunde Null« gegeben hat, gilt auch: »Einen Schlussstrich kann und darf es niemals geben.« (GEA)