STUTTGART. Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit, in der auch die Erwachsenen oft das Kind in sich wiederentdecken. Gleich zwei neue Theaterproduktionen bieten da die Möglichkeit, in die fantastischen Welten Michael Endes einzutauchen. Das Melchinger Theater Lindenhof spielt vom 30. November an »Momo« (die Premiere ist in Bietigheim, vom 5. Dezember an wird das Stück in der Regie von Christoph Biermeier dann auch in Melchingen gezeigt), im Schauspielhaus Stuttgart hat jetzt »Die unendliche Geschichte« in der Bühnenbearbeitung von John von Düffel Premiere gefeiert.
Einer der Kniffe in Nora Bussenius' Stuttgarter Inszenierung ist, dass sich das Theater als Ort, an dem fantastische Welten entstehen können, selbst ins Spiel bringt. Anders als in Michael Endes 1979 im Stuttgarter Thienemann Verlag erschienenen Roman flieht Bastian Balthasar Bux vor den ihn mobbenden Klassenkameraden nicht in das Antiquariat von Karl Konrad Koreander. Er trifft Koreander stattdessen in einem schmucklos-leeren Theaterraum, in dem, als er sich in die Lektüre des dort gefundenen Buches vertieft, die Vielfalt Phantásiens wie aus dem Nichts heraus entsteht.
Spröde Wirklichkeit
»Wir beginnen in einer spröden Wirklichkeit und steigen dann in den prächtigen Kosmos Phantásiens ein«, hat Bühnenbildnerin Christin Vahl dazu in einem Interview gesagt. Für sie sei es darum gegangen, das Konzept von Reise, Wandel, Weg mit den Mitteln der Theatermaschinerie umzusetzen. Sie hat zudem die Videokünstlerin Katrin Bethge ins Team geholt, die mit analog produzierten Bildwelten das Nichts, das im Roman eine Rolle spielt, sich wie eine Schürfspur über die Bühnenfläche ausbreiten lässt.
Nur sieben Schauspielerinnen und Schauspieler verkörpern die Rollen, oftmals mehrere. Wie Marietta Meguid, die neben der uralten Morla auch das Südliche Orakel Uyulálá, ein Teil der vielköpfigen Riesenspinne Ygramul und ein Nachtalb ist. Oder wie Michael Stiller, der dem Theater-Faktotum Karl Konrad Koreander, dem Zentauren Caíron sowie Gmork, dem Werwolf der Finsternis, Gestalt und Stimme gibt.
Zauber und Geheimnis
Michael Ende (1929-1995) wandte sich stets gegen die Überbetonung des Materialismus und die Geringschätzung der Fantasie. Als Aufgabe - nicht nur, aber besonders - der Künstler, der Dichter und Schriftsteller betrachtete er es, »dem Leben Zauber und Geheimnis zu verleihen«. Dass er mit der Art der Verfilmung der »Unendlichen Geschichte« durch Wolfgang Petersen 1984 unglücklich war, mag damit zusammenhängen, dass er zu wenig verbliebenen Zauber, zu wenig Geheimnis in den sich darin manifestierenden Welten sah.
Eignet sich der Stoff dann im Sinne Michael Endes überhaupt für die Bühne? Es bleibt schwierig, weil die originäre Leistung der Leserinnen und Leser des Romans ja gerade darin besteht, Welten in ihrem Kopf entstehen zu lassen. Es funktioniert dann, wenn diejenigen, die den Stoff auf die Bühne bringen, ihre ganz eigenen Versionen dessen, was sie in Phantásien sehen, stofflich greifbar werden lassen. Seien es nun die Ausstatter, die Regisseurinnen, die Komponisten.
Theater als Königsdisziplin
Regisseurin Nora Bussenius sagt über das Theater, dass es für sie die »Königsdisziplin aller Phantásienreisender« ist: Alle wüssten, dass es weder Drachen noch berghohe Riesenschildkröten gebe, »und trotzdem staunen wir alle gemeinsam über den Theaterzauber, der sich auf der Bühne entfacht, und wir fiebern mit, ob alles gut ausgeht«.
Was das angeht, funktioniert der - von Sebastian Ellrich mit wunderbaren, die Imagination beflügelnden Kostümen ausgestattete - Theaternachmittag in der Tat. Problematisch wird es an anderer Stelle. Der Handlungsbogen ist so gerafft, dass er bisweilen atemlos wirkt, sich Bild an Bild reiht, die inneren Welten und Konflikte der Figuren damit aber nicht Schritt halten können. Eine Stunde und 15 Minuten, bis Phantásien gerettet ist (weiter wird die Geschichte im Stück nicht erzählt), ist einfach zu kurz. Das geht zulasten der Charakterzeichnung.
In Schwingung versetzte Steine
Schön ist, dass mit Til Schumeier als Bastian und Amelie Sarich als Rennschnecke, Teil von Ygramul und Fuchur auch zwei Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart auf der Bühne stehen und das Team verjüngen. Josephine Köhler zieht als Kindliche Kaiserin in den Bann. Bühnenbildnerin Christin Vahl lässt für die Darstellung des Elfenbeinturms die Kindliche Kaiserin selbst in ihrem übergroßen Kleid zum Turm werden. Simon Löcker füllt die Rolle des unerschrockenen, um sein Pferd Artax trauerden Atréju großartig aus, Marco Massafra ist ein freundlicher, lebensbejahender Glücksdrache Fuchur. Günter Lehrs Musik, die er mit Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellendes Spiel in Frankfurt am Main aufgenommen hat, kombiniert atmosphärisch und geheimnisvoll Elemente aus Klassik, Avantgarde und Rock. Zu den exotischen Instrumenten, die das Klangspektrum bereichern, gehören ein gestrichener Wasserkübel (Aquaphon) und von Hand durch Reiben in Schwingung versetzte große Steine.
Wenn am Ende alle auf der Bühne singen »Du schenkst Phantásien neues Leben«, darf sich auch im Publikum jeder angesprochen fühlen - so wie im Buch Bastian und die anderen Leserinnen und Leser von Atréjus Abenteuern. (GEA)

